J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)

II. Die Postkurse - A. Allgemeine Voraussetzungen:

inländischen Abteilung der Staatskanzlei, zumal dem Staats- und Konferenz­rate Hudelist, der im Oktober 1818 über dem Abschlüsse des ersten Postver­trags mit Sardinien vom Tode ereilt worden ist. Im wesentlichen lagen die Dinge doch alle in Liliens Händen. Er war ein Fachmann ersten Ranges und schon durch seine Abstammung dem Postwesen mit Leib und Seele zugewandt. Sein Großvater war unter Maria Theresia Generalintendant der Reichspost in Wien gewesen, sein Vater Generaldirektor derselben am Niederrhein und in Westfalen. Als Chef der Reichslogen stand dieser mit der Geheimen Zif­fernkanzlei in Wien in Verbindung und im Bezüge einer österreichischen Pension6). Von ihm empfing der Sohn schon in frühester Jugend die ersten Unterweisungen im Postfache, im besonderen über die auswärtigen Beziehun­gen der Reichspostanstalt. Von Regensburg, wo Lilien bei der Generaldirek­tion derselben seine erste Anstellung erhalten hat, wurde er 1803 zur Wieder­anknüpfung der zerrütteten deutsch-italienischen Postverhältnisse nach Vene­dig und Mailand und 1805 mit geheimen Aufträgen ähnlicher Art nach der Schweiz entsendet. Die ersten Jahre nach dem Ende des alten Reiches hat Lilien tatenlos in Ungarn verbracht. Nach dem Sturze Napoleons ist er dauernd in öster­reichische Postdienste getreten. 1814 wurde Lilien als hochgeschätzter, auch von der Hofkammer zu Rate gezogener Postfachmann der Staatskanzlei zuge­teilt. Welch hohen Ansehens er sich schon damals im In- und Auslande er­freute, zeigen die Anträge, die ihm noch im selben Jahre zuteil geworden sind: im April wurde er zum Vizedirektor der von Metternich geplanten österreichi­schen Generalpostdirektion vorgeschlagen, im August als Generalpostdirektor nach Lüttich berufen. Lilien hat jedoch den österreichischen Staatsdienst nicht mehr verlassen, wenngleich er sich zunächst noch auf Jahre hinaus mit einer losen und unbesoldeten Verwendung im Rahmen der Staatskanzlei hat be­gnügen müssen, da die geplante Generalpostdirektion nicht zustande ge­kommen ist. Ähnlich verhielt es sich mit der Postkommission des Wiener Kongresses, für die Lilien als österreichischer Vertreter in Aussicht genommen war. Im September 1816 ist ihm die Einrichtung des Postwesens in Lombardo- Venezien übertragen worden. Längst hatte er aber unterdessen jenes Feld der auswärtigen Postinter­essen des Kaiserstaates betreten, auf dem er sich wie kein Zweiter bewähren sollte. An die zwanzig Postverträge sind von Lilien in den Jahren 1815 bis 1831 verhandelt und abgeschlossen worden. Mehr aber als die Rolle des Ver­treters der Staatskanzlei in der 1818 bei der Hofkammer aufgestellten Post­kommission samt den Diäten eines Kämmerers sind Lilien zunächst nicht dafür zuteil geworden. Und als er 1825 nach mehr als zehnjähriger Verwendung im Dienste der Staatskanzlei die allerdings ganz ungewöhnliche Bitte um Zu­erkennung von fünf Prozent des Ertrages der von ihm an Stelle des bisherigen Jahresdefizits (von jo.ooofl.) dem Kaiserstaate gewonnenen Zahlungen und Taxen der fremden Postverwaltungen (von 150.000 fl. jährlich) stellte, da mußte Metternich vor dem Widerstande der Hofkammer zurückweichen und sich mit dem Hofratscharakter begnügen, der Lilien im September 1825 ver­liehen wurde7). Mit dem Beginn der Dreißigerjahre ist Lilien mehr und mehr in den Hintergrund getreten. Das österreichische Postsystem verlor mit seinem 6) Gesuch Liliens 1$ VIII vor 26 Finanzarchiv 2100/FM aus 1816. 7) Lilien an Mett. (Anm. 5 S. 45); Vortrag 25 V 6 Vorträge 357. 46

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