J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)

II. Die Postkurse - A. Allgemeine Voraussetzungen:

2. Das österreichische Postsystem. Das Postsystem, das Metternich nach dem Abschlüsse der napoleonischen Kriege aufstellen und durchfechten ließ, bildete ein wohldurchdachtes, alle auswärtigen Postrelationen der Monarchie gleichmäßig beherrschendes Ganzes. Ausländische Korrespondenzzweige und Briefschaften sollten so viel und so zahlreich wie möglich angezogen und über das österreichische Postareal nach dem ausländischen Anschluß- und Bestimmungsgebiete gelenkt werden3). Mit dieser Tendenz des „attirer“ und dem dadurch bewirkten Inlandtransit aus­wärtiger Korrespondenzen verband sich die des „étendre“ der eigenen Post­kurse weit über die Staatsgrenzen hinaus2), wodurch unmittelbare Postver­bindungen selbst mit solchen Staaten angeknüpft werden konnten, deren Grenzen die der Monarchie an keinem Punkte berührten. Diesen Bestrebun­gen gesellte sich der Anspruch bei, die eigenen Postkurse tief ins Ausland — nach Hamburg, nach Frankfurt, nach Toskana — vorzutreiben, dort eigene Postämter zu errichten und damit den Inlandtransit der ausländischen Post­kurse durch den Auslandtransit der inländischen zu ergänzen. Standen sich auch zuweilen Staatskanzlei und Hofkammer bezüglich des Ausmaßes dieser Ausdehnung der österreichischen Postkurse uneins gegenüber, so waren sie sich doch andererseits darüber einig, daß man die österreichische Auslandkorrespondenz keiner fremden Postanstalt anvertrauen dürfe, sondern mit den entfernteren größeren Staaten direkt und unmittelbar verkehren müsse 3). Das richtete sich nicht zuletzt wider den bayrischen Nachbarn. Auch galt es als ein Haupterfordernis, das Reichsgebiet unmittelbar zu berühren und sich nicht davon abschnüren zu lassen 4). Es lag ferner im Wesen des öster­reichischen Postsystems, unmittelbare, über österreichisches Gebiet geführte Postverbindungen benachbarter Staaten nicht zuzulassen und mit keinem Nachbarlande anders als in direktem Postkontakte zu verkehren. Keine fremde Postanstalt durfte auf österreichischem Boden Wurzel fassen, kein fremdes Briefpaket — von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen — öster­reichisches Gebiet uneröffnet passieren. Postpolitik dieser Art ist damals im Wettbewerbe mit Österreich auch von den übrigen europäischen Großmächten — von Frankreich und Preußen vornehmlich — betrieben worden. Dennoch hatte sich kein anderer Staat, wie man sich am Kaiserhofe mit Recht rühmen konnte, einer ähnlichen Ausdehnung seines Postregals weit über die eigenen Grenzen hinaus zu erfreuen wie die österreichische Monarchie5). Die Grundzüge des österreichischen Postsystems sind von dem Freiherrn Karl von Lilien entworfen worden, der sie auch zum guten Teile selbst ver­wirklicht hat. Metternich hat sich nur wenig damit befassen können. Sein unmittelbares Eingreifen in den Kampf, der darüber mit den fremden Staaten entbrannt ist, beschränkte sich auf die wichtigsten Phasen. Alles übrige über­ließ er — allerdings unter seiner beständigen Kontrolle — dem Chef der 3) Ideen Liliens über eine neue Verfassung des österr. Postwesens 16 II 26 Noten­wechsel ad Hofkammer 143 b. 2) Memoire Liliens über die auswärtigen Postbeziehungen 14 X 8 Notenwechsel ad Hofkammer 143 b. 3) Lilien über die Neuregelung der deutschen Postverhältn. 16 III 2 Notenwechsel ad Hofkammer 143 b. 4) Note von Hofkammer 13 XII 30 Notenwechsel 38. 5) Lilien an Mett. 23 III 26 Personalia 11 (Lilien). 45

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