J. K. Mayr: Inventare Teil 5. Band 3. Metternichs geheimer Briefdienst. Postlogen und Postkurse (1935)
II. Die Postkurse - F. Die englisch-ostindische Post und die Entwicklung der Eisenbahnen
deutschen und belgischen Post-, Dampfer- und Eisenbahnlinien so rasch beförderten, daß er schon am 31. Oktober in nicht ganz 100 Stunden in London eintraf — um 48 Stunden früher als die über Frankreich laufende ostindische Post. Das erweckte allenthalben eine „erfreuliche Sensation“, die sich die englischen Zeitungen nicht entgehen ließen18). Dem konnte sich auch die britische Regierung nicht länger verschließen und entschied sich für ein Probehalbjahr, in dem die ostindische Post an jedem Monatsersten über Triest, an jedem 15. aber wie bisher über Marseille befördert werden sollte. Nur die halboffiziellen Zeitungen verbargen ihre alte Vorliebe für Frankreich nicht, das ihnen dafür besondere Begünstigungen gewährte. Der österreichische Lloyd aber und die anderen englischen Zeitungen standen nicht hinter jenen zurück. Schon im Februar 1846 traf ein österreichischer Lloydkurier mit Siegesnachrichten aus Ostindien in weniger als sechs Tagen von Triest in London ein. „Times“ und „Daily News“ wollten sich auf demselben Wege einmal im Monat Sonderkuriere von dorther kommen lassen und erstere sicherten Waghorn jedesmal 250 Pfund zu, so oft diese die Marseiller Postlinie unterboten19). Bald herrschte unter den englischen Ostindienreisenden das größte Interesse für die Triester Route. Auch Waghorn war ganz davon erfüllt. Schon plante er mit „eiserner Beharrlichkeit“ eine zweite Ägyptenreise, an die er auf der Rückkehr eine Fahrt nach Wien anzuschließen gedachte. Den Enthusiasmus des englischen Publikums vermochte man allerdings dort nicht ganz zu teilen. Wohl maß die Hofkammer der Rekordfahrt Waghorns den „Wert einer höheren Staatsfrage“ bei, stimmte auch der englischen Auffassung von einer weitgehenden Übereinstimmung der politischen Ziele Englands, Österreichs und Deutschlands zu20) und verschloß sich selbst der stolzen Hoffnung nicht, daß Triest dereinst der Postknotenpunkt zwischen Südostasien und ganz Mittel- und Nordwesteuropa werden könnte. In diesem Sinne ließ auch der österreichische Generalkonsul in Alexandrien bei den Handelshäusern in Kalkutta für Triest als den besten Verbindungspunkt mit Frankfurt, Hamburg und Amsterdam werben21). Darüber aber gab sich die Hofkammer keinem Zweifel hin, daß es ihr kaum je gelingen werde, die schwer belasteten englischen Postwagen — vier bis sechs an der Zahl und jeder mit vier bis sechs Pferden bespannt — so rasch zu befördern wie Wag- horn mit seinem leichten Gefährte. Nicht weniger als 700 Postpferde, so kalkulierte sie, waren hiefür selbst auf der kürzesten Strecke von Duino über Sacile, Toblach und Innsbruck bis Reutte erforderlich22). Kaum weniger skeptisch beurteilte der österreichische Lloyd die Schiffsfrage. Denn die englische Regierung wollte sich den Postweg Alexandrien—Triest nicht entgehen lassen und stellte zu diesem Zwecke der englisch-ostindischen Compagnie den „Trident“, einen ihrer besten Dampfer, zur Verfügung. Damit war aber der Lloyddampfer „Imperatore“, der so viel zu Waghorns erstaunlichem Erfolge beigetragen hatte, in den Hintergrund gedrängt und eine neue Gefährdung des Personentransports gegeben. 18) Bericht aus London 45 XI 3 England 323. 19) Bericht aus London 46 II 28 England 324. 20) Note von Hofkammer 46 I 31 Notenwechsel 99. 21) Note von Hofkammer 46 VI 15 Notenwechsel 99. 22) Note von Hofkammer (Anm. 20). 120