Historische Blätter 7. (1937)
Taras v. Borodajkewycz: Kaiser und Reichserzkanzler bei Beginn des spanischen Erbfolgekriegs
Ein greifbares Ergebnis zeitigte dieser Vorstoß der Wiener Regierung nicht. Sie verfolgte ihn merkwürdigerweise auch nicht weiter, sondern brach die ganze Aktion ab. Sie hatte dem Kurfürsten wohl Wünsche und Forderungen präsentiert, aber keine Angebote unterbreitet; die gelegentlichen Vorsprachen, die Graf Löwenstein-Wertheim in den nächsten Wochen bei dem Erzkanzler machte, brachten das Gespräch um keinen Schritt weiter. In Lothar Franz verstärkte sich das Gefühl der Enttäuschung, von dem Wiener Hof nicht verstanden, wieder übergangen zu werden, und er verlegte sich mit doppeltem Eifer auf den Ausbau seiner eigenen Sicherheit, auf die Schaffung einer Position zwischen den Parteien, auf die Weiterführung des Assoziation sWerkes. Mit ihm wollte er dem Reich den Frieden erhalten. Es war nicht nur egoistische Politik, die ihn in diesen Wochen so sehr in den Vordergrund rücken ließ. Gewiß war auch dieses Motiv eine starke Triebfeder seines Handelns und er mochte träumen, bei einem Zurücktreten des Reichsoberhauptes im südlichen Deutschland auf der breiten Basis der kleineren Stände eine Art Reichsführung durch den ersten geistlichen Kurfürsten aufrichten zu können, wo doch gerade in seinen Tagen so manchem deutschen Fürsten eine Erhöhung seiner Würde geglückt war. Unzweifelhaft war seine Politik aber auch von einem starken Reichspatriotismus getragen und fühlte sich dem Reich gegenüber verpflichtet. Sie war oftmals eine seltsame Mischung von ängstlicher Vorsicht und selbstherrlichem Vorgehen, aber wo eine starke reale Machtbasis fehlte, wie es bei den meisten dieser deutschen Landesfürsten eben doch der Fall war, war eine andere politische Methode kaum möglich. Noch im Juli glückte der Beitritt der beiden rheinischen Kreise zu den Heidenheimer Beschlüssen. Im fränkischen und schwäbischen Kreis waren auch die Rüstungen so weit gediehen, daß man an eine Sammlung und Aufstellung der Kreismannschaften denken konnte. Es lag auf der politischen Linie des Erzkanzlers, wenn er sich energisch gegen eine Zusammenziehung der Truppen an der Westgrenze zur Wehr setzte108, er wollte bei Frankreich jeden Anlaß zu einem Verdacht ausschalten. Unge- hört prallten auch die Vorstellungen Wratislaws und des englischen Königs von ihm ab, der es gerne gesehen hätte, wenn Frankreich durch Vorgänge an der Rheingrenze in seiner Aufmerksamkeit von Holland abgelenkt ganzen Haltung des Erzkanzlers in diesen Wochen, mit dem der Gesandte übrigens im März auch gar nicht zusammenkam (!), daß man nur annehmen kann, Klopp ist hier ein starkes Versehen in der Datierung oder überhaupt eine Verwechslung unterlaufen 105 H. Polster, a. a. 0„ S. 70 f. 146