Historische Blätter 7. (1937)
Taras v. Borodajkewycz: Kaiser und Reichserzkanzler bei Beginn des spanischen Erbfolgekriegs
land nicht auf der Seite Habsburgs stehen, könnten sie sich bei einem Konflikt des Kaisers mit Frankreich ausgeschlossen behaupten. An der rheinischen Sukzession habe das Reich nicht das geringste Interesse. Man solle sie dem Kaiser überlassen. Weder Kaiser noch Reich seien imstande den rheinischen Kurfürsten beizuspringen, wenn sie in eine Aktion gegen Frankreich hineingezogen würden. Zu frisch stehe noch im Gedächtnis, wie gefährlich es sei, sich mit diesem mächtigen und kritischen Nachbarn zu Überwerfen. Die spanische Angelegenheit sei eine Sache, bei der sie alles verlieren könnten, aber nichts zu erhoffen hätten. Darum: Hände weg von diesem Spiel! und versuchen, andere exponierte Nachbarn gleichfalls für diesen Standpunkt zu gewinnen 29 30. Eine zweite, 14 Tage später stattfindende Vorsprache fand den Trierer Kurfürsten noch zurückhaltender. Er schwankte zwischen Hoffen und Bangen hin und her und suchte sich durch schöne Wunschbilder zu trösten: Schließlich sei der spanische König noch am Leben und könne von Gott noch einen Leibeserben erhalten; damit würde sich alles zum Guten wenden. Auf der anderen Seite beklagte er sich bitter über den Teilungsvertrag, den der Kaiser in „so despotischer declaration“ ohne schwersten Schaden für seine Autorität nicht annehmen könne und der ihm selbst den Feind vor die Tore setze, wenn das französische Tauschprojekt mit Lothringen Wirklichkeit würde. Er hoffe aber immer noch auf einen guten Ausgang. Käme es aber anders, dann bleibe kein anderer Weg, als sich aus diesem Spiel zu halten. Von Wien sei nichts zu erhoffen, da der kaiserliche Hof sich selbst kaum retten könne, zudem fehle dort überhaupt der Wille, den geistlichen Kurfürsten zu helfen. Man werde die Verteidigung des Rheins wohl Kurpfalz überweisen und von diesem bösen Nachbarn eine Hilfe zu erwarten, wäre „gahr zu crudel“. Alle Vorstellungen Schönborns, daß nur eine gemeinsame Selbsthilfe die gewünschte Neutralität auch wirklich garantieren könne, fruchteten nichts, der Kurfürst blieb auf seinem Standpunkt s0. Noch ausweichender war die Antwort, die von dem Wittelsbacher in Köln auf die mainzischen Vorschläge zur Sicherung der Neutralität kam. Er ließ melden, der Kaiser werde den Traktat gerne annehmen, da er in einem zwanzigjährigen Krieg das nicht erreichen würde, was er ihm biete. Ja, er sei sogar der Meinung, daß der Kaiser im stillen an dem 29 Bericht Friedrich Karls v. Schönhorn, 26. VI. 1700, M. E. A. Korr. 99. 30 Bericht Friedrich Karls v. Schönborn (s. d.), Wiener Schönborn-A., a. a. 0. Nr. 74. 125