Historische Blätter 7. (1937)

Taras v. Borodajkewycz: Kaiser und Reichserzkanzler bei Beginn des spanischen Erbfolgekriegs

einem Jahre nicht gesonnen, sich den Wiener Bedingungen einfach zu beugen; das angebotene Äquivalent, die 20.000 Gulden, erschienen ihm bei der Schwere der Entscheidung als eine sehr geringe Gegenleistung, umsomehr, als Kurpfalz jährlich mehr als das Fünffache erhielt 2f\ In diesen Wochen war in dem Erzkanzler ein Plan gereift, der nun, nach dem neuerlichen Mißlingen seiner Schritte in Wien in sein entschei­dendes Stadium trat. Der Plan hieß: Selbsthilfe auf der Grundlage einer bewaffneten Neutralität. Mainz allein konnte natürlich nicht an die Durch­führung eines solchen Planes denken. Aber vielleicht war es möglich, die benachbarten Fürsten für die Sache zu gewinnen. Das Bild seines Oheims Johann Philipp trat lebendig vor seine Seele; eine rheinische deutsche Allianz als Hort des Friedens erschien ihm als der rettende Ausweg25 26. Er war ein Realpolitiker, der sich keinen großen Illusionen hingab. Er wußte, Kurpfalz hatte die Entscheidung bereits vollzogen. Der Schwager des Kaisers stand fest im kaiserlichen Lager27. Es war nicht ausge­schlossen, daß Würzburg dem Beispiel des Pfälzers folgte. Die hessischen Häuser glaubte er im Kielwasser der brandenburgischen Politik, erwartete sich daher von ihnen auch keine Hilfe28. Aber mit seinen geistlichen Mit­kurfürsten wollte er den Versuch wagen. Sein junger Neffe, der Baron Friedrich Karl von Schönborn, der spätere Reichsvizekanzler, erhielt den Auftrag, in einer persönlichen vertraulichen Vorsprache bei Trier und Köln für den Plan zu werben. Kurfürst Johann Hugo von Trier war aber nicht der Meinung, daß eine rheinische Allianz opportun sei; keiner der Fürsten würde sich dazu herbeilassen. Dagegen stimmte er mit Mainz vollkommen in der Aufrecht­erhaltung der Neutralität überein. Die unglückselige Situation der geist­lichen Kurfürsten lasse keine andere Wahl. Jetzt, wo England und Hol­25 Instruktion an Friedrich Karl v. Schönborn vom VII. 1700 (Konzept), a. a. 0. 26 Ich vermeide bewußt das Wort „Rheinbund“, das in der deutschen Geschichte mit Recht einen üblen Klang hat. Sein bezeichnendes Merkmal ist die Abhängigkeit und der Dienst an Frankreich. Beides lag Lothar Franz völlig fern. Der Name „Allianz“ ist den Quellen entnommen. 21 Kurfürst Johann Wilhelm hatte am 15. Dezember 1698 mit dem Kaiser, seinem Schwager, ein Bündnis geschlossen, das auch die spanische Erbfrage betraf. Vgl. L. Bittner, Chronologisches Verzeichnis der Österreichischen Staatsverträge (Ver­öffentlichungen der Kommission für neuere Geschichte Österreichs), Wien, 1903, I. S. 115, und G. W. Sante, Die kurpfälzische Politik des Kurfürsten Johann Wilhelm vor­nehmlich im spanischen Erbfolgekrieg 1690—1716, Hist. Jahrb. d. Görresges. Bd. 44, 1924, S. 19 ff. 28 Instruktion für Friedrich Karl v. Schönborn (s. d.), Wiener Schönborn-Archiv, Familien-Archiv, fasz. 86, Nr. 66. 124

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