Historische Blätter 5. (1932)
Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow
der Ausgangspunkt werden. Eine ganz andere Sache sei es, wenn der Antrag, andere Mächte zu befragen, von Rußland oder von Österreich ausgehe; sie besäßen in den Donauländem wichtige Lebensinteressen, die Deutschland abgingen, dessen Auftreten in solchem Falle also nur aus dem größeren oder minderen Maße von Vertrauen, Intimität und Wohlwollen für die eine oder die andere Macht hervorgehen könne. Der Reichskanzler rät daher von jedem solchen Schritte ernstlich ab. Eine verfrühte Tätigkeit in einer Lage, die den Vorteil biete, daß sie Deutschland gestatte, sich länger als andere zurückzuhalten, könne keine andere Folge haben wie die, daß man sich das Mißtrauen beider Teile zuziehe und sich schließlich zwischen zwei oder mehrere Stühle setze. * * * Hätte Peter Suwalow — sein Bruder, Graf Paul, tritt erst im nächsten Jahrzehnt in den Vordergrund der Ereignisse —, wie Bismarck wollte, den russischen Botschafterposten in Berlin antreten dürfen, so hätte sich dem Reichskanzler damit gleichzeitig ein anderer seiner lebhaftesten Wünsche erfüllt: er wäre den damaligen Repräsentanten Alexanders II., Paul Oubril, los geworden — ein Mann, der ganz wie der französische Botschafter, Vicomte de Gontaut-Biron, beim Fürsten ebenso übel angeschrieben wie bei dem Monarchen und seiner Gemahlin gut angesehen war. Eine neue Episode in dem Kampfe Bismarcks gegen Oubril und zugleich gegen dessen Vorgesetzten, Fürst Alexander Gorcakow, wird durch einen vertraulichen Brief Generals von Schweinitz vom 8. August 1876 eingeleitet. Der russische Staatskanzler, der sich noch völlig ungebrochener geistiger Kräfte erfreute und im Umgang mit ausländischen Diplomaten nach dem eigenen Zeugnis von Schweinitz die größte Liebenswürdigkeit entwickelte, wünschte schon zu dieser Zeit eine europäische Konferenz oder einen Kongreß für die orientalische Frage, wollte ihn aber nicht selber offiziell beantragen. Das Gespräch berührte diese Sache und ging auf das Verlangen Gorcakows über, Bismarck solle etwas tun, um das Mißtrauen abzuschwächen, das bei dem russischen Hofe, besonders „bei einer gewissen hohen Dame“ (der Kaiserin) gehegt wurde: Deutschland könne füglich Montenegro als kriegführende Macht anerkennen 33. 33 Schweinitz an B. v. Bülow St. Petersburg 8. Aug. 1876 (Ausfertigung). Berlin („Acta betreffend den Aufstand in der Herzegowina“). Der Inhalt des Briefes ist größtenteils fast wortgetreu in Schweinitz’ Denkwürdigkeiten, 6* 83