Historische Blätter 5. (1932)
Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow
Schweinitz traf den Minister des Äußeren Zar Alexanders bei seinem einsamen Diner und bei der Nachmittagszigarre: es ist ein Genrebild, das in die eigenen, nunmehr veröffentlichten Aufzeichnungen des Generals über sein Leben aufgenommen worden ist. „Bei gutem Appetit, frisch, rosig und heiter, schwelgte Seine Durchlaucht in dem Gedanken, im europäischen Areopag durch elegantes Französisch zu glänzen, von Duc Decazes sekundirt, von der Pariser Presse reproduzirt und gefeiert zu werden. ,Bismarck muß kommen', sagte er, ,j’ai besoin de ses humiéres; er sollte eigentlich die ganze Sache in die Hand nehmen; je n’admets point cet indifférentisme. Wenn Bismarck nicht kommt, so schicke ich Hamburger.' “ Bismarcks Widerwille gegen jede Parteinahme, seine Unlust, auch nur durch Vermittlung eine Verschlechterung des Verhältnisses, sei es mit Rußland, mit Österreich oder mit England zu riskieren, war nicht der einzige Vorwurf seines Petersburger Kollegen gegen den alten Freund und „Schüler“ von den Botschafterjahren an der Newa um 1860 her. Auf seine eigene Zugänglichkeit für ausländische Diplomaten hinweisend, klagte er, daß Oubril den Reichskanzler nicht vor dessen Abreise nach Kissingen habe sprechen können, während ihn Odo Russell auf der Reise sowohl dahin wie nach Würzburg begleiten dürfte — der russische Botschafter müsse doch dieselben Vorteile genießen, und „die Botschafter haben wirklich ein Recht, den Minister des Äußeren zu sehen“. Was die Konferenz angeht, versicherte Gorcakow wiederholt, daß Rußland die initiative nicht ergreifen werde. Es war sein Wunsch, daß es Deutschland als neutrale dritte Partei tun sollte — aus dieser deutschen Neutralität wollte er also den entgegengesetzten Schluß wie Bismarck ziehen. „Es wäre nutzlos und überflüssig gewesen“, meinte Schweinitz, „dem Kanzler zu sagen, daß im Congreß nächst dem Dreikaiserbunde nichts größere Gefahr liefe als das Interesse Rußlands.“ Der Vorstoß, den Gorcakow in diesem Gedankenaustausch mit einem Diplomaten, der wie Langenau dem alten konservativen Rußland sehr wohlgesinnt war, offenbar völlig überlegt und in der klaren Absicht vornahm, dadurch gewisse Zwecke zu erreichen, tat seine Wirkung, aber freilich nicht ganz so, wie es der russische Staatsmann gewollt hatte. Der freie, etwas überlegene Ton, den er anzuschlagen liebte, stieß I S. 339f., wiedergegeben. Er wurde jedoch des Zusammenhangs halber in Histo- risk Tidskrift 1931, S. 392 f., als Anlage 5 vollständig abgedruckt. Siehe auch Die Große Politik, II S. 31, Note. 84