Historische Blätter 5. (1932)
Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow
Daß Suwalow zu dieser Zeit eine entschieden deutschfreundliche Haltung einnahm, geht auch aus dem Zeugnis des Generals Schweinitz hervor: im April, als der Graf Petersburg besuchte, erklärte dieser der Mitteilung des Botschafters nach rund heraus, daß ihm weder in London noch in Paris, sondern nur bei Fürst Bismarck eine klare und praktische Auffassung der türkischen Verwicklungen begegnet wäre; beim Hofe und der Kaiserin gegenüber sprach er es aus, daß man nicht ein guter Russe sein könne, wenn man gegen den deutschen Kanzler Mißgunst zu erregen suche 31. Seine Einwände gegen die Neigung Kaiser Wilhelms für eine ausgeprägtere Stellungnahme in der orientalischen Frage und gegen seine Befürwortung eines Eingreifens in die russisch-englische Spannung hat Fürst Bismarck etwas ausführlicher in einem Diktate vom 15. Juli entwickelt, das vor der Zusammenkunft des Monarchen mit Kaiser Franz Joseph in Salzburg am 19. und 20. zu seiner Kenntnis gebracht werden sollte32. Es ist das Verhältnis zu Rußland, das in den Vordergrund tritt; man findet hier den Entwurf zu Gedankengängen, die in späteren, jetzt allgemein bekannten Staatsschriften entwickelt und variiert werden. Der Kanzler geht von dem unveränderten Wunsche seines Herrschers aus, den Dreikaiserbund zu erhalten, dessen sich zu vergewissern er in Würzburg Gelegenheit gefunden habe. Die Dauer und die Zuverlässigkeit dieser Verbindung sieht er aber als gefährdet an, wenn Deutschland den Antrag stellt, über „zukünftige Ereignisse“ nicht zuerst unter den drei Kaisern zu verhandeln, sondern dabei England sofort zuzuziehen. Kaiser Alexander werde darin die Absicht finden, bei seinem Streben nach einer intimen und freundschaftlichen Verständigung ihm ein feindliches und kampfbereites Element entgegenzustellen; diese Beobachtung müsse ihn entfremden und nach der Überzeugung Bismarcks zur Lockerung und schließlichen Lösung des Dreikaiserbundes 31 Schweinitz, Denkwürdigkeiten, I S. 320. — Siehe auch Hajo Holborn, Bismarck und Suwalow im Jahre 187 5, Aktenstücke zur Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, Historische Zeitschrift, Band 130, S. 256ff. (München und Berlin 1924). 32 Diktat Fürst Bismarcks, von Herbert Bismarck aufgezeichnet, 15. Juli 1876, in Historisk Tidskrift 1931, S. 391 f., als A n 1 a g e 4 gedruckt. Rado- witz an B. v. Bülow Berlin 15. Juli: er übersendet einen „Bericht“ (der sich im Konzept vorfindet) „nach Dictat des Herrn Reichskanzlers“ und für den Kaiser bestimmt. Berlin. — Über den Gang der Ereignisse bis Juni 1875 siehe auch Knud Boiander, Förspelet tili Balkankrisen pä 1870-talet (Göteborg 1925), eine Dissertation, die sich auf Studien im Wiener Archive gründet 82