Historische Blätter 5. (1932)
Georg Wittrock: Gorčakow, Ignatiew und Šuwalow
áuwalow versetzt werde, am besten nach Berlin, denn er würde bedauern, wenn einer der wenigen „Gentlemen“ Rußlands, zugleich ein aufrichtiger Freund Deutschlands, seine politische Zukunft in einem nach Ansicht des Briefschreibers sichtlich undankbaren Aufträge auf britischem Boden verderben sollte. Wie im Vorbeigehen lenkte Graf Münster in einem Postskriptum — sicherlich mit lebhafter innerer Freude — darauf die Aufmerksamkeit, daß ihm keine kaiserlichen Befehle und keine neue Instruktion zugekommen seien. Er bekam die Antwort, daß diese nunmehr nicht abgehen würde, seitdem es bei einem Zusammentreffen in Würzburg (am 10. Juli) dem Reichskanzler nicht ohne Schwierigkeit gelungen sei, den Kaiser zu überzeugen, „daß die Ertheilung unerbetener und unerwarteter Rathschläge an die englische Regierung das Vertrauen der letzteren zu uns nicht fördern würde und uns ein Beruf, in dieser Richtung thätig zu sein, nicht obliege“ 30. Suwalow betreffend geht Bismarck in dieser Mitteilung teilweise auf den Gedankengang Münsters ein, ohne daß er dabei den für den russischen Staatsmann weniger schmeichelhaften Punkten in dem Briefe des deutschen Gesandten auch nur ein Wort widmet: „Schuwaloffs Versetzung nach Berlin würde dort einen sehr günstigen Eindruck machen, und mir persönlich sehr angenehm sein; letzteres auch um seinetwillen, weil ich fürchte, daß er in London mit Berechnung und mit Erfolg abgenutzt wird, während der Berliner Posten diesem uns befreundeten Staatsmanne seine politische Zukunft wahrscheinlich sichern würde.“ Londoner Botschaft „die Anwartschaft auf die künftige Reichskanzlerschaft“ bekam. „Von einem Avancement“, äußert er (S. 49), „war für den mächtigsten Mann in Rußland überhaupt nicht die Rede — es kam in letzter Instanz darauf an, wofür er selbst sich entscheiden und an welchem der Dienste, die er leisten konnte, Sr. Majestät am meisten gelegen sein werde.“ Aus den Briefen Langenaus (an Andrässy St. Petersburg 15./27. März 1878, „vertraulich“, Wien) geht indessen hervor, daß die Entfernung des Generals von der Leitung der politischen Polizei („die dritte Abteilung“ der kaiserlichen Kanzlei) wenigstens von dem Stadtpräfekten Trepow als eine von ihm erlittene, durch die Intrigen der Gegner verursachte Widerwärtigkeit aufgefaßt wurde. Vgl. unten S. 135 und Schweinitz, Denkwürdigkeiten, II S. 385. — Das geschickte Auftreten Suwalows als Generalgouverneur in den Ostseeprovinzen 1864—1866 bezeugt Eckardt in seinen Lebenserinnerungen, I S, 84 ff. (Leipzig 1910). 30 Fürst Bismarck an Graf Münster, Kissingen 16. Juli 1876. Abschrift von der Hand Herbert Bismarcks; der Anfang des Briefes, der offenbar Privatverhältnisse berührte, ist ausgelassen. Dabei findet sich ein Brief Graf Herberts an Radowitz von demselben Datum mit der Vorschrift, den Brief Münsters vom 11. und die Antwort „zu den Geheimen Akten“ zu legen. Berlin. 6 81