Historische Blätter 5. (1932)
Dr. Julius Marx: Eine vormärzliche Wirtschaftskrise im Lichte der amtlichen Berichte
fach mußte man der steigenden Nachfrage durch Nachtarbeit genügen. Die späteren Märkte fielen aber elend aus. Bei den Webern wurden wieder Hände frei; der Notstand wuchs und diese Lage beutet der bedenkenlose Fabrikant aus, dem der Bargeldmangel als Vorwand diente: er gibt Fertigware als Arbeitslohn. Die ungarischen Sommermärkte belebten manche Zweige, schlecht schnitten nur die Flachsspinnereien ab, ihre Arbeiter litten Not. In arge Verlegenheiten geriet die Baumwoll- und Seidenverarbeitung durch Mißernten in den Rohstoffländern, denn die raschen Preissprünge — Seide stieg im September um 300 fl. K.-M. per q! — und das nachfolgende Sinken ließen keine Berechnung zu. In den anderen Industrien trat nach den flauen deutschen Messen Stillstand ein, der erst zu Weihnachten etwas nachließ. Der Grazer Herbstmarkt war so schlecht, daß Barzahlungen überhaupt unterblieben. In Linz brachte das Ausbleiben der Italiener und Bayern, einst die solidesten Kunden, einen trüben Ausgang des Augustmarktes, damit Stockungen und Bargeldmangel. Der englische Einfluß machte sich stets stärker fühlbar, besonders der Eisenindustrie; Sensen fanden nur mehr im Osten Absatz. Englische Modestoffe verdrängten damals die Kammgarne, was die oberösterreichische Spinnerei in Schwierigkeiten versetzte. Der Triester Einfuhrhandel gestaltete sich im ersten Halbjahr recht schwunghaft, der Gewinn war jedoch gering. Zwei, wenn auch weniger bedeutende Fallimente zeigen, daß die Lage nicht rosig war. Umfangreicher war ein Bankrott im Sommer, als sich die Verhältnisse verschlechtert hatten. Die Vorgänge im Kirchenstaat, die griechischen Unruhen, der sardinisch-französische Handelsvertrag, die brasilische Tonnengebühr auf fremde Schiffe gingen an dem Hafen nicht spurlos vorbei. Im Herbste eintretende Besserung, durch die der Diskont auf 5°/o zurückging, war nur von kurzer Dauer. Auch in Brünn herrschte im Frühjahr Lebhaftigkeit, dann erfolgten auffällig viele Zahlungseinstellungen kleiner Webermeister, die ihre Wechsel aufeinander gezogen hatten und nun miteinander fielen. Nur zu deutlich offenbarte sich der Mangel einer Kreditanstalt; in Brünn zahlte man 12 bis 20% für ein Darlehen, in Wien 6 bis 7%. Die Sommer- und noch mehr die Herbstmärkte enttäuschten, manche waren seit Jahren nicht so schlecht gewesen. Die Stockung machte nahezu 1500 Arbeiter brotlos. Am 30. Mai und 7. Juni kam es zu Zusammenstößen Brünner Weber mit den von den Fabriken verlegten Landwebern. Energisch schritt das Gubernium ein. Binnen acht Tagen hatten sich alle Arbeitslosen zwecks Arbeitszuweisung vor einer eigens eingesetzten Kommission einzufinden. Daraufhin verließen — die Ernte begann! — alle 56