Historische Blätter 5. (1932)
Dr. Julius Marx: Eine vormärzliche Wirtschaftskrise im Lichte der amtlichen Berichte
Am härtesten betroffen war die Leinenindustrie; der billige indische Flachs, die Rückständigkeit des Baues und der Verarbeitung des Flachses in Österreich, die man vergeblich durch Preisausschreiben bekämpfte, setzten die Briten so in Vorteil, daß sie es sogar auf seinen Hauptmärkten in Italien und Ungarn schlugen. Sogar der Schmuggel französischer Leinen lohnte sich. Der Stadthauptmann forderte für diesen „untergehenden Zweig“ Staatshilfe, denn dem Mangel daran und dem für England günstigen Handelsvertrag maß man viel Schuld an diesen Zuständen bei. Letzteren beklagte auch die Porzellanindustrie, da er dem Wedge- woodgeschirr Zollerleichterung gewährte. Immerhin blieb ihr die lohnende Ausfuhr nach den Zollvereinsstaaten 10. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf die kritische Zuspitzung der orientalischen Frage, namentlich der drohende Krieg mit Frankreich. Die Blockade Syriens und Ägyptens wirkte lähmend auf Kredit und Handelsgeist in Triest, sie erzwang Einschränkungen, verursachte einige Fallimente und stellte größere in Aussicht, brachte die öffentlichen Fonds in unaufhörliches Weichen und trieb den Diskont auf 8%. In Graz fallierte das Bankhaus Schweighofer (600.000 fl. K.-M. Passiven, hievon 1/3 gedeckt). Die Stornierungen bedeutender Lieferungsaufträge für Sensen und Sicheln nach Frankreich und Deutschland schädigten die oberösterreichische Industrie schwer. Der Linzer Herbstmarkt und die Grazer und Brünner Messen fielen flau aus. In Prag erfolgte die Rückwirkung erst gegen Weihnachten. Der Zusammenbruch des jüdischen Bankhauses Taussig (V2 Mil. fl. Passiven), dem andere Firmen folgten, erschütterte den Kredit; der Zinsfuß stieg andauernd. Die Fabriken entließen Arbeiter, deren Notlage der frühzeitig eintretende Winter verschärfte; Oberstburggraf Chotek lenkte die Aufmerksamkeit der Staatsverwaltung darauf. In Böhmen steigerten übrigens die mißlichen Verhältnisse die Stimmung für den Anschluß an den Zollverein. Nach dem Stadthauptmann überwogen die Freunde der Vereinigung weitaus, er selbst trat mit Rücksicht auf die Käufer, deren Interesse ihm wichtiger schien als das einzelner begünstigter Fabrikanten, durchaus für sie ein. Manche verstanden es auch, aus dieser Krise Kapital zu schlagen, so 10 S 1 o k a r, 420 ff., 625 f. — „M ittheilungen f. Gewerbe u. Handel“, II., S. 44ff. — Kaser, S. 10ff., 14 (Fußnote), 20 f., 22f., 26. — Srbik, Metternich, I., S. 531. — A. Stern, Geschichte Europas v. 1815—1871; II. Bd., 2. Abteilung, S. 78. — St. - A., M. K. A., Z. 375 (Linz wünscht einen Wollmarkt!) u. 1407 ex 1841; 1690 ex 1847 (Post 6061, Elbzölle). — Pr. B. f. Nov. u. Dez. 1839; März, April, Juni, Juli (Bl. über d. Wollmarkt) bis Sept. u. Dez. 1840; Februar bis Aug. 1841. 44