Historische Blätter 5. (1932)
Dr. Julius Marx: Eine vormärzliche Wirtschaftskrise im Lichte der amtlichen Berichte
sicherte sich Baron Sina durch den Aufkauf aller Knoppern in Ungarn ein Monopol in diesem wichtigen Gerberartikel. Die größte Panik brach in Wien aus. Man ließ die Wechsel ablaufen, zog die Vorschüsse auf Staatspapiere ein, weil diese, wie alle Kreditpapiere, seit August sanken. Das letzte Silbergeld verschwand, die Sparkasse verzeichnete empfindliche Rückzahlungen. Der rasch eintretende Geldmangel erzwang Notverkäufe von Effekten und drückte da-, durch neuerlich die Kurse. Verschärft wurde die trübe Lage durch die Nachrichten aus den Provinzen. Als das Bankhaus Wedel zusammenbrach und von anderen Instituten Bedenkliches gémünkéit wurde, war das Wechselgeschäft nahezu lahmgelegt. 7 bis 8% betrug der Diskont für mindere Kaufleute, noch mehr für Fabrikanten. Bank und Sparkasse wurden mit Staatspapieren, auf die man dort Vorschüsse erhielt, überschwemmt. Die größten Wirren herrschten an der Börse. Daß hier die Wechselkurse oft höher als im Auslande standen, wurde als Mangel an „Publizistik“ beiklagt; Änderung wünschte bezeichnenderweise der Polizeioberdirektor. Die wildesten Gerüchte fanden Glauben und erregten einen solchen Grad der Bestürzung, daß man „selbst die Ruhe der Besonnenen weichen“ sah. In der Industrie begann man im August mit Kurzarbeit, bald folgten Entlassungen, sogar Betriebseinstellungen. Von den Handwerkern klagten besonders Schneider und Schuster über die allgemeine Kaufunlust. Weitere Rückstöße traten im Spätherbst ein. „Das heitere Gepräge“ des öffentlichen Lebens schwand gänzlich. Der frühe Winter brachte die Einstellung der Taglohnarbeiten im Freien mit sich, damit wieder Arbeitslose. Allerdings überstellte die Polizei die Nichtzuständigen sofort zur Abschiebung in ihre Heimat. Auch der Polizeioberdirektor machte auf die schwere Notlage der Arbeiter eindringlich aufmerksamlx. Ungarische Fallimente anfangs 1841 verschlimmerten die Lage in Wien bedenklich; die Grazer Messe fiel wohl befriedigend aus, aber die Sommermärkte waren nach den übereinstimmenden Berichten aus Wien, Linz und Brünn so schlecht, daß in Wien totale Stockung, die tiefste 11 11 „Metternich und Kübeck. Ein Briefwechse 1.“ (Supplement- band zu Kübecks Tagebüchern), Wien 1910; S. 3, 5 f. (Mettern. v. 28. Nov. u. 20. Dez.). — St. - A., M. K. A., Z. 2097 ex 1840 (Lb.) u. 375 ex 1841 (Lz.). — Tr. B. f. 1840; Lz. B. f. Juni-Sept. 1840; Gr. B. f. Juli bis Dez. 1840; Br. B. f. Okt. bis Dez. 1840; Pr. B. f. Aug. bis Dez. u. 2. Hjb. 1840; Maib. 1841; Wr. Nov.-b. 1840. — 1840 bedeutet wohl einen Markstein in d. Entwicklung d. deutschen Nationalgefühls, doch wird man auch dieses Schwächezeichen, das in der allgemeinen Kriegsfurcht so grell hervortritt, nicht übersehen dürfen. 45