Historische Blätter 5. (1932)

Dr. Julius Marx: Eine vormärzliche Wirtschaftskrise im Lichte der amtlichen Berichte

Der maschinelle Großbetrieb beruht auf der Kapitalskraft, die ihn jeden Fortschritt sogleich ausnützen läßt. Der Handwerksmeister konnte damit nicht Schritt halten, sein Abstieg zum Lohnarbeiter begann. Die Zünfte, einst die Grundlage des Gewerbewesens, verloren an Bedeutung und nur die Scheu der Regierung vor jeder Änderung ließ sie den Vor­märz überdauern. Sie hemmten die Entwicklung in jeder Weise, haupt­sächlich ihretwegen blieb die Prohibition bestehen, der sich die Mehrzahl der Fabrikanten auch anpaßte. Der Staat schützte also eine unterwertige Erzeugungsweise und trug mit Schuld, daß die österreichische Industrie den scharfen Wettbewerb auf den auswärtigen Märkten nicht bestand, sondern sogar den Inlandsmarkt bedroht sah. Der Schmuggel entwickelte sich trotz hoher Spesen zu einem der umfangreichsten vormärzlichen Erwerbszweige. Die Kreditwürdigkeit der Unternehmungen wurde durch die beklagenswerte Indolenz der Erzeuger stark beeinträchtigt, andrerseits wurden sie durch den Mangel an Kapital und Kredit — Kreditinstitute fehlten noch! — ängstlich und jede Erschütterung machte sich sofort fühlbar, so daß sich im Laufe eines Jahres ein sonderbares Auf und Ab im Wirtschaftsleben ergibt. Die Kosten trugen vor allem die Arbeiter, die man in kritischen Zeiten ohne weiteres entließ, während oft kurz darauf eintretendem Bedarf durch Überstunden und Nachtschichten ab­geholfen werden mußte. Der Aufschwung der Großindustrie verursachte durch die schärfere Trennung der industriellen und agrarischen Gebiete eine bemerkenswerte Umschichtung der Bevölkerung, die Industriezentren entstehen. Wien war natürlich dem Zustrom am meisten ausgesetzt. Doch war die neue Schichte sehr beweglich, denn bei Stockungen, in der Provinz sogar zur Zeit der Ernte, strömte wieder ein Teil ab. Noch immer war die Verbindung mit der Landwirtschaft, z. B. im Textil­gewerbe, sehr enge 5. H. Srbik, Metternich, 2 Bde., München 1925; II., S. 215. — St.-A., M. K. A., 1621 ex 1842; Hofkammerprotokolle ab 1842; f. d. Elbeschiffahrt: Z. 386, 464 u. 150 ex 1841, 1300 ex 1840. — Pr. B. f. Mai u. Dez. 1841; Sept. 1842. — Tr. Maib. (alljährlich Bl. über d. Lloydgeneralversammlung); Junib. 1845. Wr. Dez.-b. 1842 u. Julib. 1843 (Sedln. Einb.). 5 Die ungarische Zwischenzollinie blieb bestehen, die Zollreform, f. d. sich Metternich sehr einsetzte, kam nie zustande, der Tarif von 1839 hatte 80 vollkom­mene Verbote unter 654 Posten. Von auswärt. Messen unverkauft rückkehrende einheimische Waren mußten Einfuhrzoll zahlen! — Von den Zünften paßten sich die mähr. u. d. Reichenberger den geänderten Verhältnissen an. — K a s e r, S. 2, 5, 11—14, 26. — V. Bibi, Kaiser Franz u. sein Erbe, Wien 1922; S. 3111, 390. — Max. Bach; Geschichte d. Wr. Revolut. im Jahre 1848; Wien 1898; S. 251. — K. Weiß, Geschichte d. Stadt Wien; 2 Bde., Wien 1883; II., S. 383. — 39

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