Historische Blätter 5. (1932)

Dr. Julius Marx: Eine vormärzliche Wirtschaftskrise im Lichte der amtlichen Berichte

Der Arbeiter wurde rücksichtslos ausgebeutet, er stand so gut wie schutzlos da, die väterliche Obsorge der vormärzlichen Verwaltung kam ihm nicht zugute. Alle Ansätze zu sozialen Maßnahmen waren unter­gegangen, roh, unwissend, daher hemmungslos, wuchsen die Menschen auf. Trunkenheit und Sexualverbrechen waren in den Elendsvierteln da­heim, die Kindersterblichkeit ist entsetzenerregend. Abhilfe blieb privater Wohltätigkeit überlassen, einzelne Fabrikanten suchten auch zu helfen, das vermochte alles nicht, die Not zu lindern. Der Lohn war gering, außerdem drückten ihn die Maschinen, die Lehrlings-, Frauen- und Kinderarbeit. Letztere erzwang endlich das Eingreifen der Behörden, ohne daß im Vormärz ein Erfolg zu verzeichnen gewesen wäre. Wenn der Linzer Polizeidirektor berichtet, daß in den oberösterreichischen Kottondruckereien Kinder bei 13 bis 1372stündiger Arbeitszeit einen Mindestwochenlohn von 1x/2 fl. Wiener Währung (ein Viertel des Er­wachsenenlohnes), in Baumwollspinnereien 3 bis 4 fl. (ein Spinner 14 bis 15 fl.) erhielten, wird das Interesse der Fabrikanten verständlich. Vielfach waren sie Juden, ebenso die stark hervortretende Plutokratie, dadurch erklärt sich der auffällige Judenhaß in einer Zeit, in der die Juden selbst über die vielfachen, oft kleinlichen Beschränkungen erbittert waren. Alle diese Mißstände bildeten eine große Gefahr für die Ge­sellschaft, Einsichtige verliehen dieser Erkenntnis auch scharfen Aus­druck. Noch bestand in den Arbeitern kein Klassenbewußtsein, nicht einmal die Gebildeten waren sich voll bewußt, einen neuen Stand vor sich zu haben. Das völlig mangelnde Zusammengehörigkeitsgefühl machte es den Behörden leicht, Selbsthilfemaßnahmen, zu denen die Arbeiter teils spontan, teils überlegt griffen, zu unterdrücken. Da aber der Staat sich zur Lösung der sozialen Frage ganz unfähig erwies, geriet er, der sich ganz auf die Förderung der materiellen Wohlfahrt eingestellt hatte, bei den breiten Massen in Mißkredit. Ihre Mißstimmung, die durch die Zustände, wie sie sich ab 1839 entwickelten, noch gesteigert wurde, ist eine wesentliche Ursache der Revolution von 1848 6. Springer, I., 320 ff. — Pr. B. f. Nov. u. Dez. 1839; Jänner, Februar, Mai bis Juli 1840. Umschichtung: Wr. Dez.-b. 1839 (Einb. Sedln.); Gr. Sept.-b. 1841; Tr. Maib. 1847; St.-A., M. K. A., Z. 568 ex 1841 u. 895 ex 1846. 8 Z e n k e r, S. 60 ff., 87 ff. — B a c h, S. 245 ff. — Reschauer, Der Kampf..., S. 191 ff. — O. Weber, 1848 (Aus Natur und Geisteswelt), S. 4f. — H. Srbik, Die Wr. Revolution..., Schmollers Jahrbuch f. Gesetzgebung, XLIII., 3. Heft, S. 31 ff. — Beid tel- H über, II., S. 311 ff. — Österreich im 40

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