Historische Blätter 5. (1932)
Ferdinand Bilger: Karl Albert von Sardinien und General Thurn
von Sardinien zur Niederlegung der Waffen zu zwingen. Und es gipfelte in dem Satze: „Hätte ich geahnt, daß die königliche Würde in der Person Carl Alberts so weit herabsinken würde, ich hätte ihm die Schmach der Gefangenschaft in Mailand nichter- spart33.“ Dieser Kriegsruf war mit unerhörtem Jubel in der breiten Schichte des Offizierskorps vernommen worden. Die Gefangennahme Karl Alberts wäre als ein Triumph im Offizierskorps empfunden worden 34. So — und nicht wie Wetzer — müssen wir uns die Lage vorstellen, als es im Hauptquartier Radetzkys bekannt wurde, daß General Thurn dem „Meineidigen und Treubrecher“ freies Geleite verschafft habe. Man hört es förmlich, wie sie an ihn herandrängen, ein jeder mit immer neuen Fragen: „Was, du hast ihn laufen lassen35?!“ Und da ist es Radetzky, der jetzt seine schützende Hand mit rascher Geistesgegenwart über den Offizier hält, der ihm soeben in der Schlacht durch seinen freien initiativen Entschluß militärisch den höchsten Dienst geleistet: „Ebenso fein als Diplomat, wie unternehmend als Soldat. Ganz einverstanden.“ In solcher Art mögen diese Reimworte wirklich gesprochen worden sein, vielleicht nicht ohne eine gewisse reservatio mentalis. Wir müssen uns zum vollen Verständnis der Lage vor Augen halten, daß im Hauptquartier Radetzkys, wie der Motivenbericht über den Waffenstillstand von Vignale an Schwarzenberg vom 26. März überzeugend dartut, in diesen Tagen die Auffassung des Feldmarschalleut- nants Heß die Oberhand gewonnen hat — und zwar auch gegenüber der schärferen Tonart Schwarzenbergs selbst — es müsse das Piemont des neuen Königs Viktor Emanuel durch ritterliche und entgegenkommende 33 Manifest bei A. Hilleprandt a. a. O., S. 14. — Ober Schönhals als Verfasser des Manifestes vom 12. März 1849 siehe den Artikel Schönhals in „Allgemeine Deutsche Biographie“ (1891). Der „masslose Jubel“ bei Aufkündigung des Waffenstillstandes ist bezeugt von Schönhals a. a. O., II, S. 184 f. — Die Stelle im Text ist von mir unterstrichen. 34 Die Bemerkung von Lamarmora in seinem schon zitierten „Un episodio del risorgimento italiano“, 175 ff., ist in dieser Hinsicht psychologisch sehr richtig, daß ein Korpskommandant ohne Befehl des Feldherrn den feindlichen Souverän, der zweimal den Krieg provoziert hatte, nicht würde haben passieren lassen. 35 Etwas hievon ist auch in dem Tone des Thurnschen Privatbriefes an seinen Schwager Douglas Graf Dietrichstein (siehe oben) fühlbar, der ein wenig wie eine Rechtfertigung klingt: „Der Feldmarschall... war sehr zufrieden, jeder Komplikation auf solche Weise entledigt worden zu sein. Auch hätte er ihn ohnehin nur seine Reise fortsetzen lassen können. So bald er abgedankt hatte, war er eine gleichgültige Person. In einem andern Fall hätte er auch nicht diese Route genommen, da er ohne Hindernis über Borgomanero und Ivrea hätte nach Turin gelangen können.“ 2* 19