Historische Blätter 5. (1932)
Ferdinand Bilger: Karl Albert von Sardinien und General Thurn
Schönhals in allem Wesentlichen aufrecht, er hat den breiten und detaillierten Bericht Thurns in den getragenen und hier dramatisch gesteigerten epischen Stil seiner Erzählung zusammengedrängt. Wie steht es aber mit der Behauptung Wetzers, daß General Thurn den König wie jeder österreichische General jener Jahre gekannt haben müsse? Es würde zutreffen, wenn Graf Thurn schon zu Anfang der vierziger Jahre in Italien gedient hätte. Damals fanden, wie Schönhals erzählt, vielfache Wechselbeziehungen zwischen den Offizierskorps von Mailand und von Turin statt31. Aber eben General Thurn hatte nicht in Italien gedient. Er war 1836 Brigadier in Tirol, dann seit 1838 in Graz, 1845 Divisionär in Budapest gewesen. 1847 war er nach Graz zurückgekommen, von wo er im Frühling von 1848 als Divisionskommandant, in der Reservearmee des Feldzeugmeisters Nugent, Radetzky zu Hilfe zog. Nach der Erkrankung Nugents hatte er das Kommando des Korps übernommen und seine Truppen mit dem Feldherrn in Verona auf der Höhe des italienischen Krieges vereinigt. So hatte er den König von Sardinien kaum jemals vorher — außer in den dürftigen Bildnissen jener Zeit — persönlich gesehen. Wie steht es nun mit dem nichtgeschriebenen Codex des Feld- marschalleutnant Wetzer, die keinem Offizier damals eine andere Handlungsweise gegenüber dem feindlichen König als jene des Grafen Thurn gestatten konnte? Wir nähern uns damit der Frage nach dem Reime Radetzkys vom Soldaten und Diplomaten, den Wurzbach von Thurn erzählt. Wie ist in diesen Kriegstagen im österreichischen Heer von Karl Albert gesprochen worden? Radetzky selber hatte im Juli 1848 an den Kriegsminister Latour über einen Bestechungsversuch gegenüber dem General der Kavallerie Gorzkowski, den dieser mit flammender Entrüstung zurückwies, mit den Worten berichtet, daß Österreich aus seinem trostlosen Schiffbruch doch noch den Glauben an seine Ehrlichkeit gerettet habe, „dessen wenigstens Seine Sardinische Majestät sich nicht rühmen kann“ 32. Das Manifest für den erneuten Kampf im März 1849, das Schönhals verfaßt hatte, sprach von Treubruch und Meineid. Es wies darauf hin, daß im August des vergangenen Jahres es vor den Toren Mailands in der Macht des Feldherrn gelegen habe, den König 31 Schönhals, Erinnerungen eines österreichischen Veteranen, I, 49; Wurzbach a. a. O., S. 120. Die Reproduktionstechnik der vierziger Jahre bot in Zeitungen nur sehr dürftige Bildnisse. 32 Einbegleitung der Meldung des Kommandanten von Mantua, General der Kavallerie Gorzkowski durch Radetzky unter Präs. Nr. 128/sep. an Kriegsminister Baillet de Latour (KA. FA. 1t. 1848-7-143, I. u. II.). 18