Historische Blätter 5. (1932)
Ferdinand Bilger: Karl Albert von Sardinien und General Thurn
quartier des Grafen Thurn in demselben Palazzo Bellini, den vorher der unglückliche König bewohnt hatte, untergebracht 27 28. Radetzky pflegte mit seinen hohen Offizieren an derselben Tafel zu speisen. Und jetzt — der Verlauf ist leicht vorzustellen — erfolgt an den General die erstaunte Frage: Was war es mit dem Passierschein für den piemontesischen Oberst? Jetzt erst erfährt Thurn durch die Meldung aus Casale, daß es der König war, der in der Nacht vom 23. auf den 24. März an dem Herdfeuer des ausgeplünderten Bauernhofes sein Gast war. Dies ist die zwingende Erklärung dafür, daß die Meldung des Generals über jene Begegnung erst so spät, wie wir wissen, am 27. März, geschrieben wurde. Geschrieben wurde wohl über Aufforderung Radetzkys, damit er die Begegnung weiter an Schwarzenberg berichten könne 2S. Dafür spricht die merkwürdig genaue und zugleich objektiv gehaltene Personsbeschreibung, die Anführung aller Einzelheiten des Vorganges: es sollte die Identitätsbestimmung des Conte di Barge damit ermöglicht werden. Durch die Güte des Grafen Alexander Thurn-Valsassina auf Schloß Bleiburg in Kärnten 29 bin ich in den Besitz zweier privater Aufzeichnungen des Generals Thurn aus eben dieser Zeit gelangt, welche die Richtigkeit dieser Auffassung bestätigen. Das eine ist eine Briefab27 In dem Befehlsschreiben Nr. 261/op. des 4. Korpskommandos an das 3. Bataillon Kaiserjäger vom 27. März 1849 (KA. 1849-3-ad 90) heißt es am Schlüsse: „Das Corpsquartier ist in Novara im Palazzo Bellini.“ Für Radetzky bezeugt den Palazzo Bellini als Hauptquartier W. Hackländer a. a. O., S. 207. Karl Alberts Aufenthalt unmittelbar vorher im gleichen Palaste ist bezeugt bei J. Raulich, Storia del Risorgimento politico italiano, Bd. 5, S. 151. 28 In dem ausführlichen Motivenbericht Radetzkys an Schwarzenberg vom 26. März 1849, Nr. 714/op. (KA. 1849-3-213), heißt es am Schlüsse über Karl Albert, „dass der König nach Niederlegung seiner Krone den Entschluß gefaßt hat, Sich in die Schweitz und von da nach Spanien zu begeben, wie man vermuthet in der Absicht, sich in ein Kloster zurückzuziehen. Sollte sich dieses der Umstände wegen nicht vollführen lassen, so will der König einstweilen Seinen Aufenthalt in irgend einer Stadt von Frankreich nehmen“. Nach dieser Fassung erscheint noch am 26. März Karl Albert nach Norden, nämlich in die Schweiz entflohen, wohin es eines Durchschreitens der österreichischen Linien keineswegs bedurft hätte. Man darf so für wahrscheinlich halten, daß in der Stunde der Abfassung dieses Schriftstückes Radetzky von der Reise Karl Alberts durch die österreichischen Linien in der Richtung auf Nizza noch nichts wußte. 29 Ich danke an dieser Stelle dem Herrn Grafen Alexander Thurn-Valsassina herzlich für die Mühe, mit der er auf meine Bitte das Familienarchiv durchsah. Ebenso bin ich Herrn Grafen Joh. Zeno Goess auf Schloß Carlsberg in Kärnten für die Liebenswürdigkeit verpflichtet, mit der er meine Bitte an seinen Oheim Graf Alexander Thurn empfahl. 16