Historische Blätter 4. (1931)

Herausgegeben von Josef Karl Mayr: Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen. September bis Dezember 1859

11. November. Graf Wimpffen, als Feldzeugmeister in Disponibili­tät versetzt, besuchte mich. Er verglich den stattgefundenen Fackelzug mit einer Leichenfeier, welche das monarchische Prinzip zu Grabe führte. Dann durchging er alle Abschnitte des kurzen italienischen Feldzuges dieses Jahres 57. Mangel an hinreichender Organisation der Armee, die Überstürzung aller Maßregeln, schlechte Heeresführung beschleunigten den traurigsten Ausgang des Krieges. Der Kaiser habe hin und her ge­schwankt zwischen den verschiedensten Ratschlägen, wobei stets der letzte der beste gewesen. Fm. Heß 58 täuschte die allgemeine Erwartung. Graf Rechberg, kaum in Verona angekommen, drang mit lächerlicher Hast auf eine Schlacht — natürlich Sieg, der seinen losen Negotiationen einen glänzenden Firnis geben sollte. Die Schlauheit endlich des franzö­sischen Kaisers, mit welcher er den österreichischen geblendet 59, machte dem blutigen Streite ein Ende. Radetzkys Größe gewann durch die Ge­haltlosigkeit des Heß bedeutend; nun zeigt sich klar, daß dieser von jenem, nicht aber jener von diesem in den Jahren 1848/1849 getragen wurde 60. Ich las heute in der „Presse“, daß der Gemeinderat von Wien mir und dem Fml. Benedek das Ehrenbürgerrecht verliehen habe. 12. November. Ich besuchte heute den neuen Generaladjutanten Fml. Graf Crenneville. Eigentlich Wichtiges erfuhr ich nicht. Graf Crenne- ville bestätigte mir nur, daß Graf Goluchowski rücksichtlich seiner An­griffe gegen die Gendarmerie 61 ebenso abgetrumpft sei wie Baron Bruck rücksichtlich jener gegen die Armee; Graf Nädasdy hätte sehr warm und begründet der Gendarmerie sich angenommen. 13. November. Oberst-Stabsauditor Kopetzky, welchen Minister Baron Thierry nach Iglau gesendet hatte, um dort am 10. d. M. das Polizeiministerium zu vertreten, schilderte mir heute früh den ihm unver­geßlichen Eindruck, welchen die Feierlichkeit und noch mehr die glücK- liche künstlerische Ausführung meines Standbildes (von Emanuel Max) 02 57 1 850 wurde W. mit dem Kommando der 1. Armee betraut und be­fehligte in der Schlacht bei Solferino den linken Flügel der Österreicher. 58 1 859 Chef des Generalstabs in Wien und erst nach Gyulais ersten Niederlagen auf den Kriegsschauplatz entsendet. 69 Durch den dokumentarischen Hinweis auf Preußens anscheinende Unzu­verlässigkeit (vgl. hierüber Fr. Engel-Jänosi, Graf Rechberg 57 ff.). 00 Heß war damals Radetzky als Generalstabschef zugeteilt gewesen. B1 Vgl. den 19. September 1859. ®2 Ein damals vielbeschäftigter Prager Bildhauer. 92

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