Historische Blätter 4. (1931)

Herausgegeben von Josef Karl Mayr: Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen. September bis Dezember 1859

auf ihn ausgeübt habe63. Ich hatte einen langen Besuch von Herrn Zang 83 84 85 86. Er behauptet, noch decke ein Dunkel die wahren Ursachen des plötzlichen Rücktrittes des Barons Hübner, und ließ sich dann in eine lange Schilderung dieses Charakters ein, den er jedoch zu langweilig malte, um treffend zu sein. Gegen 2 Uhr erschien der Bürgermeister Baron Seiller mit den zwei Vizebürgermeistern der Residenz, um mir in Rücksicht meiner stets freundlichen Gesinnungen gegen die Stadt 64a das Ehrenbürgerrecht derselben anzutragen, eine Ehre, die ich mit Dank an­nahm und dann längere Zeit mit der Deputation mich unterhielt. 17. November. Hofrat Lewinsky kam zu mir. Er wurde plötzlich zum Oberlandesgerichtsvizepräsidenten in Brünn ernannt, offenbar über den Antrag des Ministers Thierry, der jedoch nicht offen wirkte. Lewinsky scheint dies genau zu wissen, denn er sprach mit Geringschätzung von Baron Thierry, lobte dafür ungemein seinen Vorgänger Hübner. Dies ist wohl sehr bezeichnend für die Anschauungen 65 des letzteren; was würde Kardinal Rauscher sagen, wenn er wüßte, daß Hübner und Lewinsky Hand in Hand gegangen sind! Letzterer gab sich übrigens das Ansehen, als verlasse er die Polizei nach eigener Wahl. Was er sonst noch über Verhältnisse und Stimmung in der Monarchie sprach, war geist­reich und leider wahr. 18. November. Vormittags kam der Polizeikommissär Steyskal und äußerte sich ganz offen rücksichtlich der polizeilichen Verhältnisse. Er beklagt den eingetretenen Mangel an energischer Leitung, ja er behauptet, Ratlosigkeit und Zaghaftigkeit wären eingetreten. Dies beweisen die ohne die geringste Begründung getroffenen kolossalen militärischen Vor­sichtsmaßregeln bei Gelegenheit des Fackelzuges am 8. d. M. und die Nachsicht, mit welcher man dem frechen Schuselka66 gestattete, im Theater an der Wien eine aufreizende Festrede zu halten. Nun wende sich der allgemeine Unwille gegen die Justiz, da man gegen Dr. Bastler 83 Eine ausführliche Schilderung der Enlhüllungsfeier in der „Wiener Zeitung“ vom 14. November 1859. 64 Vgl. Anm. 11, S. 82. 64a Hier liegt dem Tagebuche eine Mitteilung des Polizeirates Nilius bei, der folgenden Ausspruch Seillers festhält: „Feldzeugmeister Baron Kempen wird in der Achtung der Wiener Bürger unvergänglich leben.“ 85 Hinweis auf deren liberal-demokratischen Charakter. 86 1848 Abgeordneter des Frankfurter Parlaments. Später war Sch. zeit­weilig außerhalb Wiens konfiniert, übersiedelte dann nach Dresden und kehrte erst nach Solferino nach Wien zurück. 93

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