Historische Blätter 4. (1931)

Herausgegeben von Josef Karl Mayr: Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen. September bis Dezember 1859

Um 12 Uhr begab ich mich zur musikalischen Akademie in den großen Redoutensaal, welche zur Feier des Geburtstages Schillers vor hundert Jahren ah. angeordnet war. Sie brachte Vorzügliches: Dich­tungen des Gefeierten mit Musik von Beethoven und Schubert, dann Deklamation: „Der Kampf mit dem Drachen“, gesprochen von Hofschau­spieler Lewinsky. Nach 6 Uhr begann der großartige Fackelzug — bei 5000 Teilnehmer —, vom Prater in die Jägerzeile sich ergießend, in größter Ordnung und eben deshalb nicht minder furchtbar. Die nie vereinigt gewesenen Kräfte maßen und erkannten sich und werden sich auch wieder zu finden wissen. Vor der improvisierten Schillerstatue endete nach Gesang und Reden die Ovation. Noch weiß ich nicht, woher die großen Besorgnisse kamen, die man aus dem gestatteten Fackelzug ab­leitete. Naturgemäß muß das Polizeiministerium für diese Besorgnisse und für die Notwendigkeit der Schutzmaßregeln eingestanden sein. Die Garnison war in den Kasernen konsigniert, Schönbrunn wurde mit Ge­schützen und einigen Bataillons besetzt und — kaum wage ich es nieder­zuschreiben — der Kaiser begab sich nach Laxenburg. 9. November. Ich begab mich in das Gußhaus Fernkorns, um die Fortschritte am Erherzog-Karl-Denkmal zu sehen. Es wird dort im Februarmonat vollendet sein und dann auf das Piedestal überführt werden können 52. Fernkorn klagte über die Unwissenheit und das Ein­dringen in alle künstlerischen Unternehmungen des Grafen Franz Thun53, des Malers Ruben 54, der nichts geliefert hat als ein Bild (Columbus), und des Architekten Van der Nüll 55. Nebenbei bezeichnete er sie als Intrigants. Fml. Langenau, der mich besuchte, erzählte mir, es hätte Baron Hübner während seiner Amtsführung ihm versichert, S. M. dem Kaiser die Entfernung des Grafen Grünne empfohlen zu haben. 10. November. Heute wird zu Iglau in Mähren mir die Ehre er­wiesen, daß man dort mein Standbild 56 enthüllt. Ich schreibe dies mit wehmütigen Gefühlen in dem Augenblicke nieder — um 10 Uhr früh —, in welchem man die Feier mit einem Gottesdienste beginnt. 52 Im Mai 1860 wurde es auf dem äußeren Burgplatze feierlich enthüllt. 53 Seit 1850 Kunstreferent im Unterrichtsministerium, seit 1853 Vertreter desselben in der neugegründeten k. k. Zentralkommission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale. 54 Seit 1852 Direktor der k. k. Akademie der bildenden Künste. 55 Der Erbauer des Hofoperntheaters. 56 Vgl. den 13. November 1850. — Nach dem Ende der Monarchie wurde es durch tschechische Legionäre zerstört. 91

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