Historische Blätter 4. (1931)

Herausgegeben von Josef Karl Mayr: Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen. September bis Dezember 1859

des Kaisers, für welches nur der genau bezeichnete Geschäftskreis Töne liefert, zu erkennen48. Noch besuchte ich den Reichsrat Baron Burk­hart und den braven Bürger Danninger49; leider fand ich beide nicht zu Hause. 7. November. Ich sprach mit Herrn Schwarz, ehemaligem ameri­kanischem Konsul ailhier. Da er erst vor 14 Tagen Mailand 50 verließ, so wußte er viel Bedauerliches von dort zu erzählen. Nicht die Scham­losigkeit in den theatralischen Vorstellungen, nicht die Schmähungen und Herabwürdigungen Österreichs hiebei erregen den Unwillen; daß aber der Polizeiminister Thierry, welchem Herr Schwarz hierüber Mit­teilung machte, (ihn) dadurch beruhigen wollte, daß Napoleon diesem Unfuge in Piemont ein Ende machen werde, dies ist wahrhaft empörend: also der Kaiser der Franzosen muß Österreich in Piemont schützen! Graf Rechberg soll sich schämen, in so demütigender Stellung sich zu befinden. Dr. Giskra kam, mich für morgen Abend in die Wohnung des Herrn Kiß einzuladen, um den Fackelzug in der Jäger­zeile zu Ehren des Schillerfestes anzusehen. 8. November. Hofrat Clannern, der nun wieder fungiert, dann Ritt­meister Kraus und Hofrat Czapka besuchten mich. Kraus, welcher die Ministerkonferenzprotokolle einsieht, vertraute mir, daß Baron Bruck die mit so viel Entrüstung im In- und Auslande aufgenommene Über­schreitung des Nationalanlehens um 111 Millionen mit Genehmigung des Kaisers unternahm und daß er nun harte Kämpfe mit Graf Leo Thun zu bestehen habe 51. 48 Soll wohl heißen: der neue Generaladjutant hat im dienstlichen Verkehr mit dem Kaiser noch nicht den richtigen Ton gefunden. 49 Ein um seines karitativen Wirkens willen mehrfach ausgezeichneter Wiener Philantrop 50 Die Niederlage von Magenta (4. Juni 1850) hatte den Verlust der Stadt zur Folge gehabt. Am 10. November 1859 sprach sie der Züricher Friede samt der Lombardei Napoleon III. zu. 51 Daß der Kaiser die Überschreitung des Nationalanlehens von 1854 gestattet habe, konnte Kraus dem Ministerkonferenzprotokoll vom 8. Oktober 1859 ent­nehmen. Über Brucks Ablehnung durch Thun unterrichtete ihn das vom 25. Oktober. In dieser Konferenz zog Bruck sein Demissionsangebot vom 22. (vgl. Anm. 33) zurück und alle Minister willfahrten seiner Bitte, mit Ausnahme des Grafen Thun, der — wie er das Protokoll eigenhändig ergänzte — „jedoch bei der Ansicht (beharrte), daß Baron Bruck durch den fraglichen Vorgang zu sehr kompromittiert sei... und daß seine Belassung im Amte mit der Ehre der Re­gierung nicht mehr verträglich erscheine“. (Haus-, Hof- und Staatsarchiv.) 90

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