Historische Blätter 4. (1931)

Herausgegeben von Josef Karl Mayr: Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen. September bis Dezember 1859

5. November. Besuche, die ich empfing, hielten mich bis über die Mittagsstunde in meiner Wohnung. Fml. Hartmann, Oberst Veigl43 und Fml. Baron Jetzer44 waren bei mir. Meinen Ausgang richtete ich vorerst zu Fml. Baron Kellner, welcher mit Graf Grünne gleichzeitig von der Adjuntatur des Kaisers enthoben wurde und nunmehr der Arciérengarde eingereiht ist. Indem er darzutun bemüht war, daß45 nicht e r an Grünnes Stelle trat, erfuhr ich zugleich über die Rücktritts­geschichte des letzteren Notizen, die ich nicht kannte, die jedoch gewaltig an meinen Rücktritt erinnern. Fml. Kellner begründet die Entfernung des Grafen Grünne durch den Haß der Erzherzogin Sophie und ihres Lieb­lingssohnes Max gegen ihn. Leider widerstand der Kaiser diesem An­dringen nicht und verdunkelte hiedurch die schuldige Anerkennung der seltenen Treue und der weitreichenden Dienste eines Dieners, der von der ersten Stufe zum Thron an nur ihm sich geweiht. Längere Zeit hin­durch, obschon es ihm klar geworden, daß sein Stern erblichen, zögerte Graf Grünne, die Enthebung von allen Ämtern, die er bekleidete, zu ver­langen. Als er jedoch ein sichtbares Erkalten der gewöhnlichen Be­ziehungen des Kaisers zu ihm, verstärkt durch die Kälte der Erzherzoge Albrecht und Wilhelm, nicht mehr zu ertragen vermochte, sandte er sein Entlassungsgesuch nach Ischl dem Kaiser nach; dort, in der Atmosphäre seiner Feinde, durfte es auf keine Verweigerung rechnen. Gleich nach der Rückkehr des Kaisers erfolgte die Enthebung des Grafen Grünne von seinem einflußreichen Posten. Verlautbart wurde sie mittels eines durch Auslassungen verstümmelten ah. Handschreibens, als ob der Herrscher Anstand nehmen wollte, es der Welt wissen zu lassen, daß der Mensch einen bewährten, treuen Diener entlassen habe 46. Eine solche Berechnung können weder Untertanen noch Menschen bil­ligen. Fml. Kellner bemerkte schließlich, daß der neue Generaladjutant 47 schon Gelegenheit fand, die Schwierigkeit einer Annäherung an das Ohr 43 Kommandant des Militärpolizeiwachkorps in Wien. 44 Damals unangestellt in Wien. 45 Soll heißen: warum. 46 Die Auslassung, von der hier die Rede ist, läßt sich an Hand des; Konzeptes des Enthebungsschreibens vom 20. Oktober unschwer feststellen. An die das Großkreuz des St.-Stephans-Ordens betreffende Verleihungsklausel schloß sich im ersten Entwürfe des kaiserlichen Handschreibens noch folgender, später wieder gestrichene Satz: „Nehmen Sie dies als ein Zeichen meines tiefgefühlten unaus­löschlichen Dankes für das, was Sie mir in einer Reihe von elf Jahren gewesen sind“ (freundliche Mitteilung des Kriegsarchivs). 47 Franz Graf Crenneville. 89

Next

/
Thumbnails
Contents