Historische Blätter 4. (1931)

Herausgegeben von Josef Karl Mayr: Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen. September bis Dezember 1859

dieser Herzenswärme gesellen sich in Kempens Wesensart bemerkens­werte Züge seines ehrenwerten Charakters zu, frei von Servilismus und frei in der Stellungnahme gegenüber den wichtigsten Zeitfragen. Auch ein reges — nicht eben ungewöhnlich tiefes, aber doch naturhaft emp­fundenes — Interesse für die Welt der Künste und Wissenschaften darf Kempen nicht abgesprochen werden. Da kann es nicht wundernehmen, daß eine derart pflichtgetreue und charakterfeste Natur wie die Kempens all die unerfreulichen Begleit­umstände der Entlassung aus Amt und Würden aufs empfindlichste ge­troffen haben. Die Wunde, die Kempen damit geschlagen wurde, ist nicht mehr vernarbt. Unauslöschlich brannte ihm das Bewußtsein auf der Seele, daß ihm unrecht geschehen und daß Undank sein Lohn geworden sei. In dieser, menschlich nur zu begreiflichen Auffassung wertet und beurteilt Kempen von nun an alle Äußerungen seiner Umwelt, ruhelos forscht er nach den tieferen Ursachen des ihm widerfahrenen Unrechies und mißtrauisch klagt er bald diesen, bald jenen als seinen Widersache’' an. Begreiflich, daß er da oft scharf im Ausdrucke und ungerecht im Vorwurfe geworden ist. Begreiflich nicht minder die beißenden Urteile, in die er nunmehr sein todwundes Herz ergießt, der verzerrte Gesichts­winkel, unter dem ihm jetzt alle Dinge des öffentlichen Lebens erscheinen. Eine tiefe Tragik liegt auf diesen erschütternden Anklagen des greisen Kempen. Wer immer sich ihrer bewußt wird, wird sich zugleich mehr denn je die Subjektivität der Tagebuchaufzeichnungen dieses zuletzt so schwer getroffenen Mannes vor Augen halten müssen: sie sind relative Größen und doppelt ruhiger Nachprüfung bedürftig. Dreifach für den, der — nicht vertraut mit den Aufgaben der historischen Kritik — nur zu leicht geneigt ist, Tagebuchaufzeichnungen für eine Linse zu halten, in der die Zeitereignisse ungebrochen sich abzeichnen. Daß dem nicht so ist, zeigen die der Erregung des Augenblicks ent­sprungenen Schimpfworte, die gelegentlich Vorkommen und die den Leser immer aufs neue daran erinnern, wie weit doch solche Tagebuchauf­zeichnungen ihrer ganzen Natur nach die erforderliche Ruhe und Klar­heit des Blickes vermissen lassen. Insoweit sie historisch von Bedeutung sind oder den Forderungen des Taktes nicht zuwiderlaufen, habe ich sie unberührt gelassen, ansonsten durch Punkte ersetzt oder auch durch Abkürzung des Eigennamens nach Möglichkeit abgeholfen. Wo es nötig schien, sind dem Tagebuchtexte knappe erklärende Anmerkungen bei­gegeben worden, jedoch immer nur beim ersten Vorkommen. Auf Literaturverweise ist grundsätzlich fast ganz verzichtet worden. 79

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