Historische Blätter 4. (1931)

Herausgegeben von Josef Karl Mayr: Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen. September bis Dezember 1859

nicht immer nach Wunsch zum Sprechen brachte. Jetzt zum erstenmal stieß Kempen bei dem und jenem auf die Mauer des Dienstgeheimnisses und das Gepräge seiner Unterredungen ließ ihn vielfach die richtige Schärfe vermissen. Diese grundlegende Änderung im Charakter des Kempenschen Tagebuches rechtfertigt sicherlich die Stelle, an der in jener selbständigen Publikation der Schlußstrich gezogen ist. Aber so erheblich ist dieser Abstand anderseits doch wieder nicht, daß von einer Veröffentlichung der weiteren Aufzeichnungen ganz abgesehen werden könnte. Denn wenn auch der Gehalt und die Zuverlässigkeit dieses Tagebuches mit dem September 1859 merklich abnimmt, so ist doch auch der Schluß­teil noch so lebensvoll und aufschlußreich, daß er der wissenschaft­lichen Welt nicht ganz vorenthalten werden darf. Und so setze ich denn die Veröffentlichung des Kempenschen Tagebuches in den nun wieder erscheinenden „Historischen Blättern“ fort: diese erste Folge schließt un­mittelbar an das Ende jener selbständigen Publikation an und führt sie bis zum Ausgang des Jahres 1859 fort. Überflüssig wäre es und untunlich zugleich, alles das, was dort in einer umfassenden Einleitung über Kempen und sein Tagebuch gesagt ist, hier auch nur in Umrissen zu wiederholen. Wer tiefer in den Charak­ter seines Wesens und in den seiner Aufzeichnungen eindringen will, der wird nach jener Einleitung greifen müssen. Zwei Momente allerdings können auch hier nicht übergangen werden. Das eine kommt einer Rich­tigstellung, das andere einer Warnung gleich. Die Richtigstellung betrifft die Persönlichkeit Kempens, die Warnung den Charakter seines Tage­buches. In jener Einleitung ist mit hinreichender Deutlichkeit, wie ich glaube, dargelegt, daß Kempen von dem Odium einer rohen und bil­dungsfeindlichen Polizeinatur vormärzlichen Zuschnittes, mit dem ihn die liberale Ära belastet hat, fürderhin freigesprochen werden muß. Das ist ja gewiß nicht zu leugnen: rauh wie das Amt war die Hand, mit der es Kempen leitete. Aber doch rauher nicht, als es der Auftrag des Kaisers, als es die Nachrevolutionszeit verlangte. Nie darf, will man Kempen gerecht werden, der scharfe Wind der fünfziger Jahre außer acht gelassen werden, der aus den abziehenden Wetterwolken des Sturm­jahres 1848 durch das Reich fegte. Nie aber auch die Tatsache, daß Kempen, wie sein Tagebuch lehrt, unter der rauhen Hülle ein weiches, warmes Herz besessen hat, das unablässig bemüht war, durch menschen­freundliches Wirken auszugleichen, was der harte Dienst forderte. Und 78

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