Historische Blätter 4. (1931)

Karl Großmann: Metternichs Plan eines italischen Bundes

Ich habe mich nun bemüht, wenigstens die wichtigsten der in Be­tracht kommenden Archive, das Staatsarchiv in Wien 10 und, soweit mir zugänglich, das Staatsarchiv in Turin11 durchzuarbeiten. Ich erfülle eine angenehme Pflicht, wenn ich auch an dieser Stelle dem Direktor des Turiner Staatsarchivs, Com. Alessandro Luzio, der mir in liberalster Weise die in Betracht kommenden Akten übersandte, den gebührenden Dank ausspreche, ebenso aber auch der Direktion und den Beamten des Wiener Staatsarchivs für liebenswürdigste Unterstützung in Rat und Tat. Wie ich glaube, habe ich wohl manche neue Stücke zur Entstehung und Geschichte des Legaplanes beibringen können. Freilich wage ich darum nicht zu sagen, das Bild des Ablaufes — Versuche und Gegenver­suche Metternichs und der sardinischen Regierung, Eingreifen Englands und Rußlands — irgendwie grundlegend geändert zu haben, wenn man auch Vorgänge und Absichten doch etwas genauer als bisher wird sehen können. So will ich es also im folgenden versuchen, aus den Darstellungen und einigen neuen Quellen ein zusammenhängendes Bild dieser Frage der großen Politik zu geben, aus einer Zeit, da wohl die Karte Europas, nicht aber die täglichen Sorgen und Intriguen der großen und kleinen Staaten viel anders waren als heute. Mehr als 20 Jahre hatte Österreich mit und für Europa gegen die Revolution und Napoleons Gewaltherrschaft gekämpft. Als aber der Sieg endlich errungen war, da schienen alle Herrschaftsträume, für die deutsche Kaiser und das Haus Habsburg von den Tagen der Ottonen her wechselvoll und immer wieder gekämpft hatten, für Österreich in Er­füllung zu gehen. Metternich, der große Meister der Politik, weiß den Sieg zu nutzen und noch einmal baut er das heilige römische Reich deutscher Nation auf, in zeitgemäßerer Form, wie es schien. Nicht mehr die alte Kaiserkrone, man begnügt sich mit dem tatsächlichen Einfluß. Österreich, als Präsidialmacht des deutschen Bundes und Vormacht Italiens, steht an der Spitze eines gewaltigen mitteleuropäischen Reiches, ihm zugehöriger oder zugewandter Länder von der Nord- und Ostsee bis Sizilien und vom Rhein bis zu den Wäldern der Bukowina. Nur im Norden teilt es die Macht mit dem befreundeten Preußen, das aber nach den Stimmungen der Zeit geneigt ist, in ihm den historischen Führer 38 10 Zit. St. A. W. 11 Zit. St. A. T.

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