Historische Blaetter 3. (1921-1922)

Edmund Friess: Der steirische Erzberg. Eine geschichtliche Skizze

hatte, als an die Stelle des bisherigen Schweißeisens und -Stahles die Periode des Flußeisens und Flußstahles trat, wenn auch die unvollkom­menere und langweiligere alte Methode noch eine Spanne Zeit sich hier fortfristen konnte. Doch der Rückgang der alten Stahl- und Zerrenn- hämmer ist überwältigend, wenn man bedenkt, daß ihre Zahl im Jahre 1789 140 betrug, während Anno 1895 noch elf solcher Werke bestanden. Denn nur wenig Unternehmer in Österreich hatten den Verfall der alten Hämmerindustrie rechtzeitig erkannt und den Vinzenz Fürst in Thörl sich zum Vorbilde genommen, der sich auf andere Industriezweige (Drahtindustrie) verlegt hatte. Schuld daran trugen die neuen Verfahren, die auch in Österreich Eingang finden mußten, sollte das österreichische Eisen nicht vom Welthandelsmarkte ausgeschaltet werden. Das vom Engländer Thomas im Jahre 1878 erfundene Verfahren ermöglichte die Entkohlung und Entphosphorung des Roheisens. Während in England schon die im Jahre 1855 patentierte Bessemer Birne bei phosphorfreiem Eisen in Verwendung getreten war und den nun als langsam geltenden Puddelprozeß stellenweise verdrängte, war die reichsdeutsche Eisen­industrie, die in ihrem Mutterlande nur über phosphorhältige Erze ver­fügte, in Nachteil gesetzt worden. Erst Gilchrist Thomas hatte durch Aus­fütterung der Wandungen der Bessemer Birne mit Kalk und Magnesia an Stelle von säurehaltigem Gesteine und durch Zuschlag von Kalk in das flüssige Eisen das völlige Entweichen des Phosphors aus dem Eisen in die Schlacke, die uns als wertvolles Düngemittel bekannt ist, zuwege gebracht. Anderseits war auch der Puddelprozeß vervollkommnet und beschleunigt worden durch die Gasgeneratoren, die dann von Siemens im Jahre 1860 durch die Erfindung des sogenannten Gruppen-Genera- tors (Regenerativfeuerung genannt) noch verbessert wurden. Und als dann die aus dem Elsaß gebürtigen Brüder Martin es zustande brachten, die Schmiedeeisenabfälle wieder mit Hilfe des Siemensschen Puddelofens mit Roheisen zusanunenzuschmelzen, und nach der Verbreitung des Thomasschen Verfahrens auch hier basisches Material Verwendung fand, konnte auch auf diesem Wege phosphorhaltiges Eisen auf die zwar nicht einfachste, aber wirtschaftlichste Art dem gleichen Nutzen zugeführt werden. Die Erfindung dieser beiden Produktionsverfahren hatte in Deutschland, besonders in Lothringen, wo große Brauneisenstein- („Minette“)-Lager mit starkem Phosphorgehalte seit alter Zeit ausgebeutet wurden, einen großartigen Aufschwung in der Eisen­industrie hervorgerufen1. Für Österreich bedeuteten sie ein Nachlassen 1 Vgl. J. Luebeck, Die volkswirtschaftlichen Interessen Elsaß-Lothringens nach dem Kriege. In der Zeitschrift für Sozialwissenschaft, begr. von Julius Wolf, N. F., IX. Jahrg. (Leipzig 1918), S. 351—353.

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