Historische Blaetter 2. (1921)

Josef Karl Mayr: Das politische Testament Karls V.

Es gibt ja, wie es scheint, überhaupt keine Quelle, die von der Ent­stehung oder der Existenz des Testaments auch nur die geringste Kunde enthielte. Mit allem Nachdruck hat E. W. Mayer 1. c. 120, 457 und 491 auf diese Tatsache hingewiesen. Das ist nun freilich recht schmerzlich und — wir wollen es nicht leugnen — auffallend. Doch kann uns dieses Schweigen der Quellen angesichts der Fülle der gegenteiligen Argumente nicht wankend machen. Sind doch auch Karls Kommentarien in dessen Hofkreisen geradezu abgeleugnet worden1. Gibt es denn überhaupt über jede der übrigen schriftlichen Instruktionen Karls für Philipp auch noch besondere Berichte? Es mag ja sein, daß das Testa­ment, den glückhaften Hoffnungen eines lichtvollen Augenblicks ent­sprungen, mit dem raschen Erlöschen derselben, kaum entworfen, schon der Vergessenheit anheimgefallen ist. Oder hat es sich doch mit in dem Kästchen befunden, das Karls seit 1549 verfaßte Testamente „et molti dispositioni“ enthielt, das dieser an jenem 16. Jänner 1556 Philipp übergeben hat2? Vielleicht wird doch noch einmal Br. Stiibels „spani­scher Originaltext“ entdeckt werden können. In Italien — dorthin weisen ja alle textlichen Fingerzeige 3 — muß das Testament schon bald bekannt geworden sein, denn um 1560 ist der Text bereits in lebhafter Entwicklung begriffen 4. Viel früher, als man vermuten möchte, tauchen selbst hochpolitische Aktenstücke — so etwa venezianische Gesandtschaftsrelationen von 1572 bis 1580 (darunter auch solche vom Hofe Philipps II.) noch in Hand­schriften der 16. Jahrhunderts5 — in der Öffentlichkeit auf. Wie es dabei zugegangen sein mag und auf welchem Wege das Testament — etwa durch die Vermittlung eines gelehrten Hofmannes, der dem rasch überholten Schriftstücke bald nur mehr geringe Be­deutung beimaß6 — bekannt geworden ist, entzieht sich unserer 1 Vgl. Morel-Fatio I. c. lbz, Anm 1. 2 Vgl. Anm. 5, S. 241. 3 Ital. Übersetzungen existieren auch von der Instruktion von 1548; E. W. Mayer verzeichnet 1. c. 120, 454, 456 drei solche und Kervyn 1. c. XVI, Anm. 1 eine vierte, wie es scheint. — Eine Kopie der Instruktion vom 4. Mai 1543 har R a u m e r (vgl. Briefe 1, 82) in Paris gesehen und nach Maurenbrecher 1. c. 3, 283 f., Anm. 3 gibt es von der Instruktion vom 6. Mai 1543 mehr oder weniger fehler­hafte gar nicht selten auf der Nat.-Bibliothek zu Madrid und sonst. 4 Vgl. Anm. 6, S. 233. — Eben damals sind auch die ersten ital. Schriften über Karl ausgegangen (vgl. E. W. Mayer 1. c. 120, 492). 5 Vgl. E. W. Mayer 1. c. 120, 454: n. 4 und 493; Br. Stübel AÖG 93, 183. 6 Im Nachlasse Van Males (f 1561) befand sich nichts Derartiges (vgl. Morel- Fatio 1. c. 166). 49

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