Historische Blaetter 2. (1921)

Viktor Bibl: Das Don Carlos-Problem im Lichte der neuesten Forschungen

Schmidt und ich haben auf einen Punkt in des Prinzen Testament hingewiesen, wonach ein junges Mädchen, wenn sie Ordensschwester werden sollte, 2000 Dukaten, für den Fall ihrer Vermählung aber das Doppelte ausgezahlt zu bekommen hätte. Ich sah in dieser doch gewiß auffallenden Bestimmung einen Standpunkt, der sich bedenklich dem der Aufklärung nähert. Doch Rachfahl (S. 70) findet, daß es katholische Eltern zur Genüge gebe adie solche Bestimmungen treffen könnten, ohne auch nur die geringste Neigung zur Aufklärung zu empfinden. Rachfahl liebt die Vergleiche mit dem kirchlichen Empfinden der Gegenwart. Auf die dem Infanten vorgeworfene Mißachtung gegen die kirchlichen Funktionäre anspielend, meint er (S. 79): „Es gibt gar manchen, der sich innerlich durch den Katholizismus durchaus gebunden fühlt, sich dadurch aber nicht abhalten läßt, über die ,Pfaffen“... weidlich; zu schimpfen.“ Alles das sei Rachfahl gerne geglaubt, aber als ebenso sicher darf angenommen werden, daß solche Katholiken, wie sie Rachfahl kennt, in dem Spanien Philipps II. mit der Inquisition in Konflikt geraten wären, gar wenn sie dieser selbst, wie es bei Don Carlos der Fall gewesen zu sein scheint, nicht zuviel Achtung entgegenbrachten. Solche laue Christen, die nur zeitweilig ihren kirchlichen Pflichten nachkamen und den Dienern des heiligen Offizes nicht den gebührenden Respekt erwiesen, beim Anblick der Todesopfer der Inquisition von Mitleid ergriffen wurden, waren in den Augen Philipps II. keine vollwertigen Katholiken, sondern Ketzer, geradeso wie diejenigen, welche wie Kaiser Maximilian II. mit den aufständischen Nieder-' ländern Beziehungen unterhielten. Bestand nun ein solches Einverständnis zwischen dem Infanten und den Nieder­ländern? Es erscheint doch so oft quellenmäßig bezeugt? Aber gerade das letztere bestreitet Rchfahl rundweg; denn er hat bei seinen archivalischen Nachforschungen nicht eine einzige Spur einer unerlaubten Verbindung gefunden (S. 82). War es aber nicht möglich, daß er die Verabredungen mündlich und so geschickt traf, daß die Öffentlichkeit nichts davon erfuhr? Doch wir wissen ja, daß der kopflose und un­praktische Infant dazu gar nicht fähig war und seiner Indolenz wegen auch gar keine Lust verspürt haben konnte. Nun denn: der Prinz war überkatholisch o4er wie man das nennen will, und so ergab sich daraus von selbst seine Haltung im Turmzimmer. Ich wollte eigentlich über dieses Schlußkapitel nicht viel reden, weil meiner innersten Überzeugung nach nur das aus dem Gefängnis in die Öffentlichkeit drang, was das spanische Kabinett zu wissen für gut fand oder was der Hof- und Stadtklatsch zu erzählen wußte, und das erschien mir eben alles höchst unsicher und fragwürdig. Doch Rachfahl fühlte sich offenbar gerade durch dieses mysteriöse Dunkel gereizt, und so griff er ein Ereignis auf, das mir belanglos — denn vielleicht war der Prinz durch die Leiden der Haft wirklich schon verrückt geworden —, ihm aber sehr bedeutsam1 vorkam: die österliche Beichte und Kommunion des Infanten, die er mit allen Zeichen der tiefsten Zerknirschung und Reue entgegengenommen haben soll. Ich habe sie deshalb nicht für glaubwürdig gehalten, weil sich alles, als der Prinz, wie es hieß, vor seinem Hinscheiden die Sterbesakramente empfing, über dieses christ­liche und vernünftige Ende verwunderte (so Dietrichstein). Was hat man sich zu verwundern, wenn der Infant als so überkatholisch galt, wie ihn Rachfahl uns schildert —- gar wenn er schon zu Ostern so christlich war! Auch das wollte mir nicht eingehen, daß der König in seinem unmittelbar nach der angeblichen Bekehrung an den Papst geschriebenen Brief vom 9. Mai 1568 von dieser Tatsache, die doch den heiligen Vater, nach all den Klagen über die vergeblichen Bemühungen, Don Carlos zu bessern, gewiß sehr interessiert hätte, gar keine Erwähnung machte! Statt dessen teilte er ihm seinen' Entschluß mit, diesen unverbesserlichen Sohn unschädlich zu machen und versicherte ihn, er werde nichts unversucht lassen, um mit Hilfe des Beichtvaters alle für des Infanten Seelenheil erforderlichen Maß­nahmen zu treffen. Rachfahl aber will diese so offen zutage liegenden Widersprüche nicht einsehen; denn er ist ganz in seine Idee von dem überkatholischen Infanten eingesponnen, und jetzt erfahren wir auch seinen Gewährsmann, gegen den, wie er meint, niemand einen Einspruch erheben kann: das ist der Beichtvater Don Chaves. Rachfahl hat für diesen Hofgeistlichen Philipps eine wahre Liebe und kann nicht genug dessen rechtliche Gesinnung und Gewissenhaftigkeit (S. 130, 133, 134) rühmen. 337

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