Historische Blaetter 2. (1921)

Viktor Bibl: Das Don Carlos-Problem im Lichte der neuesten Forschungen

Chaves nun hatte Dietrichstein versichert, der Prinz sei kirchlich durchaus einwand­frei. Wer sollte es besser wissen als der Beichtvater, vor dem die ganze Seele des Infanten offen und klar vor Augen lag? Weil ich mir nun die Vermutung herausnahm, Chaves habe im Sinne Philipps II., der vor der Welt die peinliche Tatsache des Ketzertums seines eigenen Sohnes ver­schleiert haben wollte, eine Notlüge begangen (im Interesse des Dienstes Gottes und des Staates), so kam ich schön an. Wie ich denn einem gewissenhaften Priester zumuten könne, einen sakrilegischen Befehl auszuführen! Nein, das wird mir gewiß niemals einfallen, aber bei einer Amtsperson Philipps II. sind wohl Vorbehalte am Platz. Es wurde zu viel gelogen, so daß schließlich der von Haus aus wahrheits­liebendste Funktionär mitlügen mußte, um seinen gestrengen Herren nicht bloßzu­stellen. Wer soll sich! da auskennen? Der König versichert dem Papst, Don Carlos habe sich gar nichts zu schulden kommen lassen, er sei nur seltsam; der Beichtvater beteuert dem österreichischen Gesandten, das sei er bestimmt nicht, er habe seine Fehler, aber auch seine Tugenden, und er hoffe, daß er einmal ein guter Fürst 'werde. Ein anderes Mal behauptet Chaves, des Infanten Gesinnung sei nicht so schlimm wie seine Reden — aus welchem Grunde ist er dann so hart gestraft worden — nur wegen der Reden? Der Großinquisitor erzählt dem Nuntius, der Entschluß des Königs sei schon seit zwei Jahren gefaßt — wir aber, und auch Rachfahl hält dies Rin erwiesen, wissen, daß er schon seit etwa sechs oder acht Jahren feststand. Wenn da Rachfahl alles klar ist, dann ist er zu beneiden, für mich aber ist die Katastrophe nach wie vor sehr dunkel. Weil also Don Carlos kein Ketzer war, so entfällt natürlich auch jeder Verdacht, als sollte Don Carlos im Gefängnis gewaltsam aus dem Leben befördert worden sein. So ist er denn — nach Rachfahl — eines ganz natürlichen Todes gestorben. Daß man ihm die Diätexzesse, durch die er sich nach der offiziellen Version zugrunde richtete, trotz der strengen Überwachung gestattete und so wenigstens indirekt den frühen Tod des Infanten verschuldete, findet Rachfahl ganz selbstverständlich. Don Carlos, ungeberdig, eßlustig wie immer, hätte sich einer Rationierung der Lebensmttel nicht ohne heftigen Widerstand gefügt. Und dann — so setzt Rachfahl hinzu —- weshalb sollte man sich besondere Mühe geben, des Prinzen physisches Leben gleich­sam künstlich zu verlängern, da er doch moralisch und für die Welt tot war? (S. 127.) Allein, wenn der König auch das Ableben des Thronfolgers als eine Erleichterung der bestehenden Lage empfunden haben fhußte, so darf man doch daraus nicht den Schluß ziehen, daß er es auch herbeigeführt hat. Das geht gegea mich. Denn Rachfahl findet, ich hätte mit aller Energie den Ver­dacht der Hinrichtung geäußert (S. 152). Davon ist mir nun nichts bekannt; ich konnte es auch von meinem Standpunkt aus gar nicht tun, weil ich immer betont habe, daß iwir über die ganze Geschichte von der Verhaftung bis zum Ableben nichts Gewisses wissen. Ich fand es im Gegenteil sogar befremdlich, daß der König, der so gerne die Zeit für sich arbeiten ließ, einen Weg gewählt haben sollte, der doch viel Gehässiges an sich trug1. Doch auf der anderen Seite mußte ich mir sagen, daß unter Umständen der andere Weg gewählt werden konnte, wenn der Infant der Ketzerei schuldig befunden war. Ob dafür genügende Schuldbeweise Vorlagen, das ließ ich dahingestellt sein (S. 154). Ich betonte nur, daß Philipp leider alles zuzu­schreiben — das sagte uns ja auch. Rachfahl — und daß er schließlich selber Schuld daran sei, wenn dieser Verdacht laut wurde, weil seine eigenen Worte als Ankündigung eines solchen Schrittes aufgefaßt werden konnten. Damit meinte ich Schmidt, der aus dem erwähnten Briefe des Königs an den Papst vom 9. Mai 1568 eine Vor-i bereitung auf das gewaltsame Ende herauslas. Der Papst hatte in seiner Antwort des 'Königs Entschluß gelobt, denn das Wohl der Christenheit mache eine möglichst lange Regierung Philipps wünschenswert, des­gleichen einen Nachfolger, der in seine Fußstapfen trete. Schmidt und Prescott hatten diese Worte als eine Billigung des königlichen Vorhabens aufgefaßt. Indem ich diese Tatsache feststellte, erinnerte ich an die von dem Memoirenschreiber Herzog von Saint-Simon erzählte Äußerung des Mönches, der ihn im Jahre 1721 im Eskurial herumführte und gelegentlich eines vor dem Sarkophag des Infanten entstandenen Wortwechsels ausrief: Der Prinz habe den Tod verdient und übrigens habe der König 1 Bibi, Der Tod des Don Carlos, S. 328.

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