Historische Blaetter 2. (1921)
Viktor Bibl: Das Don Carlos-Problem im Lichte der neuesten Forschungen
so argumentiert Rachfahl, doch er übersieht, was der Gesandte seinem Bericht hinzufügte: die auffallend warme Zuneigung und Liebe des Kaisers für seinen Neffen. Halten wir diesen Nachsatz, fest, dann ändert sich sehr die Bedeutung des Wortes teuflisch, je nachdem man auf das teuflisch oder auf die 'Sympathie den Nachdruck legt. Wie viele .Väter sagen von ihren Söhnen „Ein Teufelskerl 1“ und man merkt ihnen dabei den hohen Stolz, die herzerquickende Freude an. Spricht Maximilian von dem großen und starken Geist von tiefsten Gedanken (S. 29), erkennt er die Seelengröße des Infanten an, so konnte dieses Urteil, da er seinen Neffen seit dessen sechstem Lebensjahr nicht mehr sah (S. 29), nicht viel zählen, aber daß er teuflisch war, wußte er? Rachfahl gegenüber kann ich nur nochmals mit Nachdruck versichern, daß man am Kaiserhofe Don Carlos durchaus ernst nahm, und zu meinen schon früher erwähnten quellenmäßigen Beweisen möchte ich noch ein vertrauliches Schreiben des Kaisers an seinen Gesandten in Madrid aus der Zeit unmittelbar vor dem Einbruch der Katastrophe nachtragen. Man weiß aus Büdingers Darstellung, welch große Rolle in dem pathologischen Schuldregister die zornvolle Ansprache des Kronprinzen an die Cortes spielte, worin er seinen Entschluß, mit nach den Niederlanden zu gehen, ankündigte. Rachfahl erzählt uns1 natürlich auch diesen schlimmen Skandal (S. 85). Da wird es uns nun interessieren, zu hören, wie der Kaiser über diesen Akt der Tollwut urteilte. „Was der Prinz in den Cortes,“ so schrieb er Dietrichstein, „für ein dapferes Gespräch gehalten, haben wir gerne gehört“1. Also: was Büdinger und Rachfahl als hirnverbrannt erschien, das war in den Augen des kühlen, ruhigen Habsburgers Tapferkeit. Da muß man doch fragen, ob der löwenkühne Jüngling Schillers der historischen Wirklichkeit nicht mehr entspricht als das Bild vom politisch indolenten, tobsüchtigen Knaben Rachfahls? Doch genug von dem Charakter des Don Carlos. Aus der Auffassung des Don Carlos als nicht ernst zu nehmenden dummen Jungen ergibt sich von selbst, daß man hier von keinem eigentlichen Kronprinzendrama sprechen kann. Von einem Gegensatz der politischen und religiösen Anschauungen könne, so meint Rachfahl, keine Rede sein (S. 96). Von der Ketzerei aber schon gar nicht. Im Gegenteil, Don Carlos war von einer geradezu skrupulösen Orthodoxie und er macht sich über mich und Ranke lustig, weil wir einen solchen Gegensatz in den kirchlichen An^ schauungen entdecken wollten. Wenn Don Carlos die Sakramente zurückweist, so geschah dies nur aus einer überzarten Gewissenhaftigkeit; denn mit einem Haß im Herzen kann der Katholik nicht die Absolution empfangen. Wohl sei es richtig, daß seine Freunde ihn ermahnten, er möge die Gebote Gottes innerlich und äußerlich sorgsam befolgen, der Messe und allen übrigen Kulthandlungen mit Achtung und Hingebung beiwohnen, die Kirche, die Geistlichen und die Orden achten, unterschiedslos begünstigen sowie die Angelegenheiten und die Diener der Inquisition wie seine eigenen schätzen und schützen, aber das beweise doch nur, daß er es „ze i t we i 1 i g“(!) an dem gebührenden Respekt und Eifer fehlen ließ (S. 70). Das war eben so seine Art, das lag in seinem Wesen. Wenn der Paipst auf die Nachricht von der Ketzerei des Infanten verzweifelt die Hände ringend ausrief: „0 Gott, o Gott, nur zu viel Grund, ist daran zu glauben, weil dieser Prinz, wie man weiß, keine Rücksicht weder auf Priester noch auf Mönche genommen usw.“, so bestätigt das nur diese Auffassung: Respektlosigkeit gegen die Diener der Kirche, aber Korrektheit im Glauben. Halten wir einen Augenblick inne. Der aufmerksame Leser wird vielleicht schon darin, daß der Prinz aus lauter Gewissenhaftigkeit sich scheute, die Kommunion zu empfangen, während dies der König trotz seines Hasses im Herzen unbedenklich tat, einen Gegensatz wahrzunehmen geneigt sein, aber auch sonst wird er, wenn er sich an meine früheren Ausführungen über die möglichen Ursachen der Katastrophe erinnert, verschiedene Einwendungen erheben. Der zeitweilige Mangel an kirchlichem Eifer, den Rachfahl selbst zugeben muß, ist eben das, was man Lauheit nennt und ein spanischer Prinz, der Nachfolger Philipps II., nicht haben durfte. Auch sonst scheint er merkwürdige Ansichten gehabt zu haben, die mit der spezifisch spanischen Gedankenrichtung schwer in Einklang zu bringen sind. 1 Eigenhändiges Schreiben an Dietrichstein vom 14. Februar 1567 (Archiv Nikolsburg).