Historische Blaetter 2. (1921)

Viktor Bibl: Das Don Carlos-Problem im Lichte der neuesten Forschungen

ein Phantasiegebilde sei und die Auffassung des Dichters mehr der Wahrheit ent­spreche. Nur Meister Ranke führt seinen Namen an und mehr als das: er teilt durchaus mit ihm den Standpunkt, daß es sich hier um einen wirklichen Thron­folgerkonflikt, um einen Gegensatz der politischen und religiösen Grundsätze handelte — und nicht, wie Büdinger behauptete, um das Toben eines Geisteskranken gegen seinen liebevollen Arzt und Wärter. Nein, dem geistreichen Scherz Schmidts hat die Don Carlos-Forschung unver­gleichlich mehr zu verdanken als der wissenschaftlichen Untersuchung Maurenbre­chers, die in quellenkritischer Hinsicht eine Kette der schwersten Mißgriffe darstellt. Die vertrauliche Mitteilung des spanischen Kabinettes an den kaiserlichen Gesandten Guzman vom März 1562, daß fDon Carlos in seinem Urteil und Wesen zurückgeblieben sei, und /die Versicherung des Diplomaten, der ein Spanier und eine Kreatur Philipps II. war, (laß das von ihm Mitgeteilte wirklich wahr sei, hatte Maurenbrecher so geblendet, daß er für nichts anderes mehr Auge und Ohr besaß. Er übersah dann, daß Guzmans Nachfolger, Adam Dietrichstein, der vom Kaiser nach Madrid geschickt worden war, um zu sehen, was es denn eigentlich mit dem Infanten für eine Bewandtnis habe, ihn zuerst — nach dem Hörensagen — recht ungünstig schil-í derte, als er aber dann Don Carlos persönlich' sah und sprach, ein ganz anderes Bild entwarf und in der ganzen Zeit seines Jahre währenden Aufenthalts am spa­nischen Hofe, wo er doch Don Carlos fortwährend zu beobachten Gelegenheit hatte, bpi diesem Urteil verblieb. Maurenbrecher wurde sich nicht bewußt, wie ungeheuer­lich doch die Annahme ist, daß Kaiser Maximilian seine Lieblingstochter einem, iw.ie man zu sagen (pflegt, gerichtsbekannten Idioten und Schwerverbrecher als Gattin bestimmt (haben sollte, die wohl sofort von ihm mißhandelt worden wäre. Er scheint sich nicht einmal die Frage vorgelegt zu haben, wie es denn möglich war, daß ein derart gemeingefährliches, bösartiges Individuum die Freundschaft der ijn Volk wie eine Heilige verehrten Königin und zweier so hochachtbaren Männer wie des Bischofs Honorato Juan und Dr. Suarez erringen konnte. Man stelle sich doch nur vor: anstatt daß auf die Nachricht von seinem Hinscheiden alles aufgeatmet hätte, weinten sich die Frauen am Hofe die Augen aus; die Königin muß energisch von dem gemütvollen König verhalten werden, ihren Tränen Einhalt zu tun, und das Volk klagte und trauerte! Mit Schmerz, ßo schloß Ranke seine glänzende Dar­stellung, sahen die Spanier ihren Thronfolger gestorben. In vielen Inschriften be­klagten sie den Verlust von so viel Großmut, Wahrheitsliebe, Freigebigkeit;' für ein großes Herz sei die Welt zu klein gewesen. Das war die andere Seite, von der wir bei Maurenbrecher und Büdinger nichts finden, und die doch unbedingt berücksichtigt /werden (mußte, wenn (man der tragischen Gestalt des Sohnes Philipps II. gerecht werden, wollte. Hatte der totgeschwiegene Schmidt i n seinen zu Gunsten des Infanten angeführten Zeugnissen auch dem .Kaiser Maximilian II. einen Platz eingeräumt, so konnte ich dies auf Grund des Materiales, das mir zu Gebote stand und Schmidt nicht bekannt war, vollauf bestätigen. Der Kaiser machte aus seinen Sympathien für Don Carlos kein Hehl. Er hob im Gespräch mit dem venezianischen Gesandten dessen großen und starken Geist von (tiefsten Gedanken hervor und nickte dem florentinischen Gesandten beifällig zu, als, dieser von des Infanten Seelengröße sprach. Hätte Maximilian nur den geringsten Zweifel an des Prinzen Zurechnungsfähigkeit gehabt, dann wäre er auf die Nachricht .von der Verhaftung seines Neffen nicht auf den Gedanken verfallen, nach Spanien zu fahren, um eine Versöhnung zwischen Vater und Sohn herbeizuführen. Einen Irren, einen Tobsüchtigen versöhnt man nicht. Der aufgeklärte Habsburger am Wiener Hofe ist aber, auch der beste Zeuge gegen die von Maurenbrecher und Büdinger vertretene Annahme der vollen Glaubwürdigkeit der königlichen Äußerungen über den Grund der Verhaftung und die Ursache des Todes seines Sohnes. Er fand die ganze Sache sehr verdächtig, sprach von Gewissens­bissen, die Philipp haben müsse, und warf — ganz wie Schmidt, der diese Äußerung aber nicht kannte — die nur zu berechtigte Frage auf, warum der König die als Todesursache angegebenen Diätexzesse geduldet habe, da er sie doch hätte verhindern können. Die These vom schwer gebeugten, liebenden Vater und dem minderwertigen Sohne findet an der Auffassung des Wiener Hofes keinerlei Stütze.

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