Historische Blaetter 2. (1921)

Viktor Bibl: Das Don Carlos-Problem im Lichte der neuesten Forschungen

Mit der Feststellung der Tatsache, daß der Kaiser das Vorgehen des Königs gegen Don Carlos aufs schwerste verurteilte, soll indes nicht gesagt sein, daß Maximilian das Extreme in der Handlungsweise seines Reffen durchaus billigte. Daß der Prinz heftig und frei in seinen Reden sei, das hatte der Gesandte Dietrichstein wiederholt gemeldet. Er fügte aber auch gleich hinzu, daß man ihm zu seinem seltsamen Wesen reichlich Ursache gebe, und er führte auch zwei Hauptanlässe zu seiner gereizten, verzweifelten Stimmung an: den Mangel einer Geltung und die endlose Verschleppung der Heiratsangelegenheit. Es waren dies nur ein paar der Hauptursachen der tiefen Unzufriedenheit, aber sie lassen sie, so sollte man meinen, nur allzu begreiflich erscheinen; denn selbst der kühle, um vieles ältere Onkel am Wiener Hofe kam über, der diabolischen Hinausziehung der Ehe außer Rand und ,'Band. Der Prinz begehrte die Statthalterschaft in den Niederlanden und' sie hätte ihm auch, wie dies Ranke mit Recht hervorhob, gebührt. Warum also verweigerte der König seinem Sohne die ihm zukommende Stellung und die Heirat mit der Kaiserstochter? Warum wollte er ihn von der Nachfolge aus­schließen? Das war das große „Mysterium“, über das sich Dietrichstein den Kopf zer­mürbte — der eben nicht an den Schwachsinn glauben wollte. War Philipp II. wirklich so herrschsüchtig, auf die ungeschmälerte Wahrung seiner königlichen Stellung eifersüchtig bedacht und obendrein noch mißtrauisch, wie es die Zeitgenossen behaupteten und das spätere Beispiel seiner Tochter Isabella, die erst mit 32 Jahren sich mit dem lammsfrommen Albert verheiraten konnte und auch da noch unter gewißen Kautelen die niederländische Statthalterschaft über­tragen erhielt, zur Genüge beweist; war anderseits Don Carlos so ehrgeizig und tatenlustig, wie er geschildert wurde, und obendrein noch volksbeliebt oder wenig­stens beliebter als der gefürchtete König: dann war ja das Kronprinzendrama schon gegeben. Die notorische Härte des tyrannischen Philipp und die ebenso bezeugte Leiden­schaftlichkeit des frühreifen Infanten sorgten dann dafür, daß der Zusammenstoß zwischen dem Alten und dem Jungen tragischere Formen, als das sonst meist der Fall ist, annahm. Aber neben dieser Furcht des mißtrauischen Königs vor dem heranwacnsenden Sohne, von der die Mitlebenden tuschelten, glaubte ich mit Ranke, Gachard und Schmidt gewisse Gegensätze politische^ und religiöser Natur annehmen zu dürfen. Kronprinzen haben ja gerne freiere Ansichten, wie es das geflügelte Wort vom Kronprinzenliberalismus besagt. Daß die Klagen seiner Erzieher über die schlechten Fortschritte des Don Carlos, die ins Sterbegemach des kaiserlichen Großvaters drangen, mit der Aufdeckung einer bis in die höchsten Kreise reichenden Ketzer­gemeinde zusammenfielen und damals, da der König auf diese beunruhigenden Nachrichten schleunigst nach Spanien zurückkehrte, die ersten Anzeichen einer schweren Verstimmung Philipps II. gegen seinen Sohn laut wurden, wollte mir doch nicht gar so zufällig erscheinen, besonders wenn ich auf die späteren Ermahnungen zu einer gewissenhaften Erfüllung der kirchlichen Pflichten, auf die Gerüchte vom Ketzertum, wie sie sofort nach der Verhaftung auftauchten, und die merkwürdigen Vorkommnisse bei den Trauerfeierlichkeiten, Rücksicht nahm. Auch die gar zu starke Betonung des christlichen Endes mußte mir verdächtig erscheinen. Irgend etwas muß da nicht in Ordnung gewesen sein. Nicht als ob ich ihn der Abirrung vom katholischen Glauben bezichtigt hätte — da müßte er wirklich nicht bei Sinnen gewesen sein; denn ein Protestant hätte wohl kaum Aussicht gehabt, den Thron der katholischen Könige zu besteigen, aber eine gewisse Lauheit, freiere Ansichten, Opposition gegen die vom König begünstigten kirchlichen Würdenträger als Vertreter des despotischen Systems, Sympathien mit den Niederländern, was alles ja bekanntlich auch den Vorwurf einer ketzerischen, staatsgefährlichen Gesinnung, begründet hätte. Sogar an die Möglichkeit dachte ich, daß der ganze Vorwurf der Ketzerei nur ausgespielt wurde, um gegen den aus anderen Gründen unbequem gewordenen Sohn eine kriminelle Handhabe zu erhalten. Noch zum Schluß, als durch die offenkundige Weigerung des Thronfolgers, die heiligen Sakramente zu nehmen, der Verdacht der Ketzerei sich verstärkte, warf ich — was ich besonders hervorheben möchte — die Frage auf, ob der Grund der Zurückweisung nicht in demUnvermögen des Prinzen, das Geschehene zu vergeben und zu vergessen, also in der fehlenden Voraussetzung für die kirchliche Absolution, gelegen sein könnte (S. 284).

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