Historische Blaetter 2. (1921)

Heinrich Glück: Kunst und Künstler an den Höfen des 16. bis 18. Jahrhunderts und die Bedeutung der Osmanen für die europäische Kunst

Für die mit den Türken in besonders rege Beziehungen getretenen österreichischen Länder sind die türkischen Elemente besonders häufig. Die auf Palästen und Häusern als plastischer Schmuck an­gebrachten Türkentrophäen machten an sich die Künstler mit ver­schiedenartigen türkischen Dekorationsformen bekannt. Als ein be­sonders häufiges Element seien die in verschiedenster dekorativer Verwendung gebrauchten Schabrakenüberhänge mit dazwischen hän­genden Troddeln erwähnt, wie sie z. B. an den Eckkuppeln desi Wiener Belvedere und an den Pavillonkuppeln der Orangerie eben­dort auftreten, aber auch in den reichen Dekor der Gittertore ein^- dringen1 und im Gebiete der textilen Dekorationskunst selbst an Baldachinen, Thronhimmeln und Satteldecken weite Verbreitung fanden2. Anderseits läßt gerade die Vereinzelung eines Falles, wie die Wand­bekleidung der Gabrielskirche auf dem Sebastiansfriedhof in Salz­burg (begonnen 1597) durch schachbrettartig gelegte farbige Fliesen3 auf einen jener auf Originalität ausgehenden Barockeinfälle schließen, deren Anregung infolge der Übereinstimmung! mit der gerade damals in Blüte stehenden geläufigen Ausstattung der osmanischen Moscheen und Paläste4 kaum zweifelhaft sein kann5. Dieses bereits eingangs 1 Siehe Gothein, Abb. 485, 488; H. Tietze, Wien (Berühmte Kunststätten, Bd. 67), Abb. 76; W. Pinder, Deutscher Barock (Langewiesche), Abb. 14, 15. 2 Sind doch gerade diese letztgenannten Dekorationsstücke mit dem Teppich- und Brokatluxus offensichtlich aus dem Orient in den europäischen Hofluxus gelangt. Für seine ursprüngliche textile Verwendung als Kameelschabrake mag die Darstellung des Einzugs der türkischen Gesandtschaft )in Frankfurt von J. Amman (siehe C. Brockelmann in Ullsteins Weltgeschichte, Orientband, S. 253) als Beleg dienen. Über seine uralte Verwendung bei den Türken vgl. Strzygowski, Altai-Iran und Völkerwanderung, S. 169 f. (Zattelmotiv) und meine , Türkische Dekorationskunst“, a. a. 0., S. 13. Als bekannteste Verwendung dieses Motivs in Europa sei an das Tabernakel Berninis in St. Peter erinnert, in dem der alte Gedanke der gebauten Aedikula mit dem des beweglichen Traghimmels in Ver­bindung tritt; war doch orientalische Prunkentfaltung gerade am päpstlichen Hofe besonders ausgebildet. Man denke an die bis heute in ihrem Zeremoniell erhaltenen feierlichen Aufzüge des Papstes, an die altpersische Tiara, die dem osmanischen Sultan wie dem Papste zukam. 3 Siehe Kunst und Kunsthandwerk 1910, S. 547 ff.: A. Walcher v. Molthein, Elia Castello und die Wandfliesenkeramik in Salzburg; ferner Österreichische Kunst­topographie, Bd. IX, S. 134 ff. * Siehe oben, vgl. auch die 1589 datierte Urkunde Nr. 49 in Heft 4 der Deutschen Übersetzungen türkischer Urkunden. 5 Walcher v. Molthein denkt an spanische Anregungen. Doch weist gerade die Art der einfarbigen polygonalen Platten und vielleicht auch die Farbenwahl (grün, weiß, blau, rot und gelb) eher auf die Türkei; man vgl. z. B. den in Grün und Blau gehaltenen Fliesenbelag im Tschinili-Kiösk (Gurlitt, Baukunst Konstanti­nopels, Taf. LXVII.) Übrigens weist auch die eigentümlich geschweifte äußere Dachform der Kuppel der Gabrielskapelle (österr. Kunsttopographie, IX, Fig. 168) eine auffallende Übereinstimmung mit den Kuppeln osmanischer Kleinbauten auf, während die Kuppel im spanischen Islam nicht gebräuchlich war. !1« 317

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