Historische Blaetter 2. (1921)

Heinrich Glück: Kunst und Künstler an den Höfen des 16. bis 18. Jahrhunderts und die Bedeutung der Osmanen für die europäische Kunst

berührte Heranziehen und ideenhafte Verbinden entferntester Fremd­elemente findet in der Großarchitektur wohl nirgends einen besseren Beleg als in Fischer v. Erlachs Karlskirche in Wien. Nicht weniger als das Forum Romanum mit Triumphbogen und Reliefsäulen hat hier in der Gesamtidee die osmanische Moschee mit ihrer zentralen Kuppel und den Säulenminaretts mitgespielt. Man wird eine solche Behauptung nicht achselzuckend hinnehmen können, wenn man Fi­schers eingangs erwähntes eigenes Tafelwerk, in dem die für seine Zeit scheinbar entlegensten Dinge, wie byzantinische Zisternen und türkische Bäder erscheinen, auf derartige Fremdelemente hin durch- Rlättert. Von den Gebäudeinschriften war bereits oben die Rede. Als eine gerade wieder in Österreich in besonderem Maße geübte Gepflogen/- heit ist dabei das Chronogramm (Chronostichon) zu erwähnen. Dieser Brauch, in der Inschrift durch die Summe der die Zahlwerte ausl- drückenden Buchstaben das Baudatum anzugeben, ist innerhalb des Islam spezifisch osmanisch und führte dort im 16. und 17. Jahr­hundert zu einem ausgedehnten Wettbewerb, so daß bei einer ein'- zigen Gelegenheit oft hunderte solcher Zahlensprüche gedichtet wur­den und die Herrscher selbst solche für die Bauten verfaßten1. In diesem Zusammenhänge muß auch auf den Aufschwung der Kalli­graphie in der europäischen Spätrenaissance verwiesen werden, war doch diese im Islam1 und besonders bei den Türken ein selbständiger gleich unseren bildenden Künsten geschätzter Kunstzweig. Viel mehr noch als in der Architektur bot das Osmanische im Kunst- Gewerbe Anregungen, welche die bereits im Mittelalter vom Islam in • Schwung gebrachten Techniken neu belebten. So tritt seit der Renais­sance neben das bereits früher durch die westislamischen Zentralen Cordova und Marokko vermittelte Corduan- und Maroquinleder das Chagrinleder als eine spezifisch türkische Art der Bearbeitung und mit ihm nehmen auch die in den türkischen Gebieten vor allem für Messer- und Säbelscheiden sowie für den Bucheinband verwendeten Arten der Lederverzierungskünste technisch und motivisch ihren * * Im Seldschukisch-Türkischen sind mir inschriftliche Chronogramme nicht be­kannt. Eine ganze Reihe osmanischer Chronogramme führt Hammer, Constants nopel, an, zu denen ich an anderer Stelle weitere nach eigenen Aufnahmen bei- bringen werde. Für die unzähligen europäischen Chronogramme des Barock braucht es wohl keiner besonderen Belege. Im Zusammenhang mit dem Obigen sei nur auf das Chronostichon an der Büste des unweit der Salzburger Gabriels­kapelle begrabenen Erbauers Elia Castello verwiesen.

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