Historische Blaetter 2. (1921)

Heinrich Glück: Kunst und Künstler an den Höfen des 16. bis 18. Jahrhunderts und die Bedeutung der Osmanen für die europäische Kunst

oder kioskartigen Flügelbauten flankierter Tortrakt vorgelegt ist, des kristallinisch klaren, seiner mittelalterlichen Schwere entkleideten Bau­körpers der Villa und des hinteren üppigen Gartens erinnert an die typische osmanische Monumentalanlage, wie sie vor allem in den . dreigeteilten Moscheenkomplexen (Vorhof, Baukörper und Grabgarten) oder in den Seraibauten mit ihren aufeinanderfolgenden Repräsen­tationshöfen, dem auf einer Terrasse erhöhten Thronsaal und den den rückwärtigen (privaten) Teil umgebenden Gärten immer wiederkehrt und sich bis zu alten orientalischen Vorstufen zurückverfolgen läßt1. Vor allem ist es aber das Haus selbst, das diesen allgemeinen Über­einstimmungen ihr Besonderes verleiht. Die auf Arkaden umgeführte Terrasse erinnert mich lebhaft an die freilich später erbaute Rustem Pascha Dschami in Konstantinopel1 2. Doch sind derartige, das Gebäude umgebende Terrassenanlagen mit den zweigeteilten (auch für Berittene zugänglichen) Treppen —- ein Motiv, das in Poggio a Cajano zum ersten Male in der Renaissance auftritt — in mehr oder weniger aus­gebildeter Form bei allen osmanischen Kiosken charakteristisch und bereits in den altpersischen Palästen (Persepolis) vorgehildet. Noch augenfälliger scheint mir die in die Fassade hinein verlegte Säulen- vorhalle einen Zusammenhang zu gewährleisten. Freilich ist sie, wie die Vorhalle von Brunelleschis Pazzikapelle, auf die Patzak verweist, in antiken Formen gehalten. Doch habe ich bereits für diese die Mit­wirkung islamischer Vorbilder in Gesamtanlage und Details nachzu­weisen versucht3 4. Aber nicht nur die in der Pazzikapelle vertretene Art der einem Breitraum vorgelegten fünfteiligen Vorhalle war in der ganzen islamischen Kunst weit verbreitet, auch die speziell in Poggio a Cajano vertretene Art der in den Baukörper einbezogenen Vorhalle ist in den Toriwanen von Persien auf die Osmanen übergegangen und bildet — freilich ohne die vorne abschließende antike Säulenstellung — ein vielfach zu einem1 ganzen System ausgestaltetes Element. Ich verweise hier nur auf den 1466 erbauten Tschinili-Kiösk in Konstan- tinopeP als eines der mehr oder weniger ausgeprägten Beispiele, wo die Torhalle die Mitte zwischen zwei selbständigen Flügeln ein­nimmt; gerade dieser Bautypus bietet aber auch eine auffallende 1 Siehe z. B. Gurlitt, Baukunst Konstantinopels, Taf. LXVIII (9). a Guriitt, Baukunst Konstantinopeis, Taf. CXLII. Eine die Übereinstimmung verdeutlichende photographische Aufnahme ist heute bei der gedrängten Umbauung freilich nicht möglich. 3 H. Glück, östlicher Kuppelbau, Renaissance und St. Peter (Monatshefte f. Kw, 1919), S. 161. 4 Gurlitt a. a. 0., Taf. LXIV.

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