Historische Blaetter 2. (1921)

Heinrich Glück: Kunst und Künstler an den Höfen des 16. bis 18. Jahrhunderts und die Bedeutung der Osmanen für die europäische Kunst

Parallele zu der im italienischen Villenbau höchst unvermittelten und eigentümlichen Grundrißanlage von Poggio a Cajano, für die Vasari natürlich sein Märchen erfindet, indem diesem durch die Eingangs­halle dreigeteilten vorderen Trakte ein ebensolcher an der Rückseite parallel gelegt ist und beid© durch einen mittleren, nicht die ganze Breite des Baues einnehmenden Saalbau verbunden sind. Gibt auch der Tschinili-Kiösk eine bereits sehr raffinierte Ausgestaltung dieses Schemas und ist auch dort der zu beiden Seiten des Mittelsaales frei­bleibende Raum durch angelegte Hallen zur Breite des Vorder- und Hintertraktes ausgeglichen, so ist doch das in Poggio a Cajano zum ersten Male eingeführte und im Villen- und Schloßbau der folgenden Jahrhunderte immer wieder verwendete Motiv der beiden vortreten­den Eckpavillons ein im türkischen Hausbau ungemein häufiges L Die Mehrstöckigkeit und das flache vierseitige Zeltdach verstärkt d'abei die Analogie. Bei allen solchen Übereinstimmungen darf allerdings nicht vergessen werden, daß diese schwerlich auf ein intensives Studium der fremden Architekturen zurückzuführen sein müssen, wie es an den alten hei­mischen Denkmälern stattfinden konnte, sondern vielmehr in den mei­sten Fällen nur mehr oder weniger allgemeine Anregungen wirksam geworden sein mochten; gleichwohl habe ich bereits a. a. 0. ge1- zeigt, wie vereinzelt auch direkte Übernahmen türkischer Planschemen offenkundig sind (Mercatorio nuovo, Florenz)2. Gewöhnlich aber ist nur die allgemeine Idee ausschlaggebend, die Durchführung hält sich in den heimischen Bahnen. In diesem Sinne habe ich a. a. 0. auch darauf verwiesen, daß Anlagen wie die praktisch so unbrauchbare Villa rotonda des Palladio in der Idee und der zentralen, axial ausstrahlen­den Anlage ihre Parallelen in den türkischen Kiöskbauten 3 haben, so daß sich auch hier wieder der Fall ergibt, daß ein bei den Türken — zufolge deren geringeren Ansprüchen auf Bewohnbarkeit — als selbstverständlich vorhandenes Moment bei seiner Übertragung seine praktische Verwertbarkeit einbüßt. Aber der Kiöskbau hat noch viel weitere Kreise in Europa gezogen, als dies an dem einen oder 1 Dies freilich weniger bei den Häusern innerhalb der Stadt, wo die Straßen­flucht zu flacher Fassadenbildung zwingt, und nur die beiderseits des Tores vor springenden Erker als eine Verkümmerung dieser vortretenden Trakte aufgefaßt werden können, wohl aber bei den Landhäusern, wie sie etwa an den Hängen des Bosporus immer wieder erscheinen. Siehe z. B. Diez-Glück, Alt-Konstantinopel, Abb. 91 (Mitte oben und links hinten) und Abb. 78. 2 Östlicher Kuppelbau, Renaissance und St. Peter, in: Monatshefte für Kunst­wissenschaft, 1919, S. 165. 3 Man vergl. z. B. die bei Gurlitt, Baukunst Konstantinopels, auf Tafel LXVII1 als Nr. 22 und 25 erscheinenden Grundrisse. n Í15

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