Historische Blaetter 2. (1921)

Heinrich Glück: Kunst und Künstler an den Höfen des 16. bis 18. Jahrhunderts und die Bedeutung der Osmanen für die europäische Kunst

zwecks Bestätigung osmanischer Vermittlung kein Beleg bekannt1, so wird eine solche bei einer anderen mit jenen Baumsitzen einigermaßen im Zusammenhänge stehenden Einführung nahegelegt, den seit den sechziger Jahren des 16. Jahrhunderts in Europa auftretenden Ere­mitagen oder Einsiedeleien2. Wenn auch der wirkliche Zweck der­selben mehr mit weltlicher Lustbarkeit zusammenhängt, so ist doch durch den Gedanken des sich Zurückziehens an ein einsames Plätzchen und durch die Ausstattung mit kleinen Kapellen, d'em Ganzen äußerlich der Anstrich des Religiösen gegeben. Was aber hier merkwürdig und launisch erscheint, das ist für den Orient ein Ge­wöhnliches. Abgesehen von dem, ins Altertum zurückreichenden orientalischen Brauche des Einsiedlertums scheint die besondere Ver­bindung dieses Gedankens mit der Schönheit freier Natur — wie sie ja auch in jenen künstlichen europäischen Einsiedeleien im Gegen­sätze zu der übrigen strengen Aufteilung der Anlagen angestrebt ist — ihre Wurzeln im China der Sungzeit3 zu haben.*Persien hat hier wie in so vielen anderen Fällen sicherlich übernommen4 und der Brauch, landschaftlich schöne Orte durch Grabstätten und Wallfahrtsörter zu heiligen oder umgekehrt die religiösen Stätten parkartig zu um­geben, ist in der Türkei bis heute allgemein. So betrachtet, erscheinen dann diese europäischen Eremitagen als eine launenhafte Verzerrung übernommenen fremden Kulturgutes durch die sensationsgierigen Hof­künstler. Die ständig zu den großen europäischen Parkanlagen des 17. und 18. Jahrhunderts gehörenden Vogelhäuser, Tierparks und Orangerien sind wohl zuerst bei den Renaissancefürsten Italiens ein­geführt5, sind aber dort selbst bereits Übernahmen aus dem Osten. Berühmt sind die Gärten Timurs in Samarkand mit ihrem Tierpark6, und schon 1167 bewundert die deutsche Gesandtschaft am Hofe des Sultans von Bagdad die Käfige mit den seltsamen Tieren und Vögeln7. Auch da hatte das Mittelalter bereits Zusammenhänge aufzuweisen, wenigstens soweit solche Tierbestände im Zusammenhänge mit der Jagd (Falken!) praktisch erforderlich waren. Dieser Zweckcharakter, sei es im Sinne der Jagd, oder bei Großtieren (Kamelen, Elefanten) 1 Man vergleiche aber persische Miniaturen, wie die bei Ph. W. Schulz, Die persisch-islamische Miniaturenmalerei, Taf. 72, aus dem Besitz von Fr. Sarre wieder­gegebene.- Gothein a. a. 0., II, S. 30 f. 3 Siehe die „Philosophenlandschaften“ der Sungzeit. 4 Tausend und eine Nacht enthält dafür genugsam Belege. 5 Siehe Burckhardt, Kultur der Renaissance, II, S. 10 ff. 6 Vambéry, Geschichte Bucharas und Transozeaniens, I, S. 225. 7 Raumer, Gesch. d. Hohenstaufen, II, S. 245 (Gothein, I, S. 201).

Next

/
Thumbnails
Contents