Historische Blaetter 2. (1921)

Heinrich Glück: Kunst und Künstler an den Höfen des 16. bis 18. Jahrhunderts und die Bedeutung der Osmanen für die europäische Kunst

Gegenüber dem Renaissencebegriffe von einer ewigen Kunst und dauernder Geltung des Kunstwerkes ist es für Europa nicht minder auffallend, wenn künstlerische Werke für momentane Anlässe ge­schaffen werden, um nach diesen wieder zerstört zu werden, oder wenn deren Herstellung bereits den Zweck einer vorübergehenden Augenweide in sich schließt: so alle jene bei Festlichkeiten und Hoftafeln zum Zwecke von Prunkentfaltung hergestellten Arrangements und künstlichen Gebilde, wie die bei den europäischen und osmani- schen Festmählern (aber auch schon früher im Islam) gebräuchlichen Zuckergärten und Konfektaufsätze1, die Illuminationen und Feuer­werke *, Prunkzelte und Blumenarrangements, Triumphpforten und , (bei den Osmanen) die künstlich in riesigen Dimensionen verfertigten Hochzeitspalmen und Hochzeitsfackeln3. Die Herstellung solcher mit größtem künstlerischen Auf wände betriebener vergänglicher Werke, die uns vom europäischen und speziell Renaissancestandpunkte ge­radezu als ein Verbrechen gegen den Ewigkeitswert des Kunstwerkes erscheint, ist bei den Türken leicht verständlich, wenn man den aus dem Nomadenleben ererbten Mangel an historisierendem Sinn in Betracht zieht, der auf die Dauer des einmal Geschaffenen keinen Wert legt. ! i Í .* ;.;j Schließlich ist auch jener Zug nach Bereicherung des künstlerischen Schaffens durch Heranziehung fremdartiger künstlerischer Errungen­schaften wohl nirgends so stark und durch die internationale Macht­sphäre begründet wie im osmanischen Reiche. Wie schon die seld­1 So erregt bereits 1087 ein mit großem Zuckeraufwand ausgeführter Tafelauf­satz aus Konfekt bei dem Kalifen Mostadi ben Villa von Bagdad das Staunen einer europäischen Gesandschaft (Reinhardt, Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, S. 442); das großzügige Arrangement derartiger Zuckergärten bei den Osmanen wird durch den bei Hammer (Gesch., IV, S. 184) gegebenen Bericht zur An­schauung gebracht, nach welchem Tischler, Schlosser, Maler, Buchbinder und Zuckerbäcker in 10 Zelten ein solches Werk für eine Hochzeitsfeier unter Ahmed III. herstellten. Mit der Einführung des Zuckers in Europa, der wie der Kaffee und ähnliche Genußmittel vor allem durch die Türken über Venedig, die Niederlande oder direkt nach Frankreich (Katharina von Medici) vermittelt wurde, werden diese Zuckerkunstwerke auch in Europa beliebt (vgl. E. 0. von Lippmann, Geschichte des Zuckers, 1890; W. Sombart, Luxus und Kapitalismus, S. 117 f.). Später trat an die Stelle des vergänglichen Materials Porzellan und Goldschmiede­arbeit. 2 Die Hluminationen wurden in Konstantinopel 1588 für die heiligen Nächte des Jahres als ständige Einrichtung eingeführt und unter Ahmed III. besonders reich ausgestaltet. Bei profanen Festlichkeiten sind Feuerwerke und die berühmten Lampenfeste bereits früher im Gebrauch (siehe Hammer, Gesch., II, S. 562), während sie in Europa, wohl über Venedig (vezenianische Nächte), erst im 17. und 18. Jahrhundert eingeführt wurden. * Siehe Hammer a. a. 0., II, 769; IH, 305, 678; IV, 184. oy

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