Historische Blaetter 2. (1921)
Heinrich Glück: Kunst und Künstler an den Höfen des 16. bis 18. Jahrhunderts und die Bedeutung der Osmanen für die europäische Kunst
schukischen Vorläufer der Osmanen in Kleinasien durch das Zusammenarbeiten persischer, arabischer und zentralasiatischer Künstler die verschiedensten Elemente vereinigten1, so auch bereits die ersten Osmanen, die das System der Berufung nicht nur auf die islamischen, sondern auch auf byzantinische Kräfte ausdehnen konnten, zu denen dann in der Zeit der Hochblüte auch die europäischen Künstler Italiens und Frankreichs hinzukamen und über Persien ostasiatisches Kulturgut vermittelt wurde. Der internationale Austausch, der dadurch zustande kam, war freilich nicht derartig, daß die eine Sphäre die andere in eine andere Entwicklungsrichtung drängte — dazu fehlte eben die Vermischung der Volksindividualitäten —, sondern der Kenntnisnahme des Fremdartigen durch einige wenige Personen entsprach eben auch bloß die Einführung ganz bestimmter individuell erfaßter Elemente, die mehr oder weniger als Aggredienzien, denn als entwicklungsgeschichtlich treibende Faktoren zu werten sind, die aber für die Erfassung des kulturellen und künstlerischen Bildes jener Zeit von höchstem Interesse sind. Und in diesem Sinne muß auch das Folgende aufgefaßt werden, wenn von einer Übernahme osmanischer Elemente in Europa die Rede ist. Es muß immer vor Augen gehalten werden, daß diese Aggred/ien- zien mehr oder weniger auch als solche bewußt empfunden wurden, und daß gerade dieser Zug der Fremdtümelei in Europa, der außerhalb des rein Künstlerischen in Bräuchen, wie in der Haltung von Gala- Mohren und in der Vorliebe für das Exotische überhaupt zum Ausdruck kam, in dem osmanischen Reiche zufolge seiner über- und internationalen Stellung ohne jenen besonderen Beigeschmack modischer Laune seine natürliche Voraussetzung hatte. Eines jener Kunstgebiete, das bereits im Mittelalter in stärkstem Maße in den Bahnen des Islam ging, ist die Gartenkunst. Die gefaßten Kanäle, Wasserspiele, Brunnen und geschnittenen Hecken, die Idee des Wasserschlosses — mag auch in Frankreich die heimische forti- fikatorische Tradition stark mitgespielt haben — gehen auf älteste orientalische Überlieferung zurück, die der Islam über Sizilien (Palermo, Zisa) und Spanien (Alhambra, Generalife usw.J vermittelte. Diese Überlieferung blieb so stark, daß sie selbst die ganze Renaissanceperiode hindurch den theoretischen, an die Antike anknüpfenden 9 1 Vgl. Sarre, Reise in Kleinasien, 1896, S. 63; Glück, Türkische Dekorationskunst, in: Kunst und Kunsthandwerk, 1920, S. 19 f28.