Historische Blaetter 2. (1921)
Heinrich Glück: Kunst und Künstler an den Höfen des 16. bis 18. Jahrhunderts und die Bedeutung der Osmanen für die europäische Kunst
Kunst und Künstler an den Höfen des 16. bis 18. Jahrhunderts und die Bedeutung der Osmanen für die europäische Kunst von Heinrich Glück In der Kunstgeschichte der Periode vom 16. bis 18. Jahrhundert pflegt man einen Faktor zu übersehen, der das ganze politische Leben jener Zeit in Anspruch nahm und tief in das kulturelle Geschick Europas eingriff: das osmanische Reich mit seiner hohen Kunstblüte. In der Erkenntnis der Gefahr, die die Türkenmacht für Europa bedeutete, hat man sich daran gewöhnt, eine tiefe Kluft, ja sogar einen ungeheuren Unterschied des Kulturniveaus zwischen den Türken und uns zu konstruieren, so daß sich auch noch heute die geläufige historische Anschauung kaum der starken verbindenden Kräfte zwischen diesen Kultursphären bewußt ist. Freilich wirkten diese Kräfte nicht im Sinne eines Kulturaustausches von Volk zu Volk, wie er etwa zwischen den westeuropäischen Völkern gerade auch dieser Periode stattfand. Die Kluft bestand tatsächlich, nicht nur in dem Unterschiede der Religion, sondern der Kultur überhaupt, wenn auch nicht im Sinne verschiedener Kulturhöhe, sondern im Sinne der Kulturanschauung. Und diese Verschiedenheit der Kulturanschauung darf uns auch nicht erwarten lassen, daß hier eine volkstümliche Durchdringung zweier Kunstanschauungen stattgefunden hätte, die die eine oder die andere der beiden Sphären in eine andere Bahn gedrängt haben könnte. Es handelt sich vielmehr fast nur um einen Kulturaustausch innerhalb der höfischen Oberschichten, die zu jener Zeit die Hauptträger der Kunstentwicklung sind, und auch da nur zu geringerem Teile in dem Sinne, daß mit einer Idee als solcher auch die fremden Formen übernommen worden wären. Zunächst könnte es scheinen — und darin liegt sicherlich sehr viel Berechtigung — daß es sowohl bei den Osmanen wie in Europa eben die Macht der Höfe war, die hier wie dort unabhängig zu analogen Erscheinungen führte, die absolute Herrschermacht mit ihren Forderungen nach Großzügigkeit und Repräsentation, nach Zusammenfassung aller Kräfte und Unterordnung des Einzelnen. Doch abgesehen davon, daß eben dies am Sultanhofe, wo weltliche und kirchliche Macht in einer Hand vereinigt war, in viel stärkerem Maße der