Historische Blaetter 1. (1921)

Arnold Winkler: Die Korrespondenz des Erzherzogs Johann mit der Staatskanzlei über die Schweizer Sonderbundsfrage

9. Erzherzog Johann an Metternich1. Lieber Fürst! [Folgt ein Absatz über die Wahl der Vorstände der Akademie der Wissenschaften.] Beyliegend das versprochene, ich würde es Ihnen früher geliefert haben, wenn ich solche Dinge nicht allein Schreiben wollte. Was den Inhalt betrifft so Bitte ich um Nachsicht, Sie werden am besten Beurtheilen ob etwas brauchbar ist. Die Sache gehört zu den Schwierigsten, handelte es sich blos um drein zu Schlagen so wüßte ich schon Leute dazu, Z: B: General Roßbach, allein für eine Intervention gehören ganz andere Eigenschaften die selten zu finden sind und vorzüglich für die Schweitz Männer wie Bubna, wie der Feld­marschall Bellegarde1 2. In diesem Lande wo eine Musterkarte von Stämmen, Verfassungen, herkommen bestehet, wo Gelehrsamkeit und Unwissen­heit, Unglaube und Aberglaube, Reichthum und Armuth, Hirt, Landmann, Fabrikant neben einander stehen. Reinheit der Sitten, und Verderbtheit, Bildung und Rohheit, Zunft-Geist, FamilienAristocratie, Bauernregiment, Anhänglichkeit an das Alte, und auf seine Geschichte, Verachtung des alten und Streben das Geschichtliche Vergessen zu machen. Klein­städtischer Sinn, HirtenEinfalt, Gutes und Schlechtes neben und durch­einander. ist nicht so leicht zu wirken. Mir banget für jenes Land und ich fürchte es gehet den Weeg der Auflösung3. Denn jene Männer welche ihre frühere Geschichte aufweisen konnte mangeln voll­kommen, die grossen Tugenden, die edlen Gefühle sind unter­gegangen, dieß ist die Frucht der gehaltlosen flachen Zeit, der Materiellen interessen, des Hanges nach Genüssen und Zerstreuungen aller Art — diese haben die Caraktere träge gemacht und entnervet. An dieser Krankheit leiden alle Länder mehr oder minder. Die Radicalen in der Schweitz leben in der festen Über­zeugung daß sie von ihren Nachbaren nichts zu fürchten haben daß wenn auch die GrosMächte Vorstellungen machen dürften, die­selben niemals Ernst brauchen werden dieses giebt ihnen den Muth unverrückt ihr Ziel zu verfolgen. Hätten sie vom Gegentheil die Über­zeugung so würde bald ihr Muth schwinden und Friede zurückkehren4. 1 W. St.-A., Schweiz-Varia, F. 326, ebenso wie die Beilage (Promemoria) Original­handschrift des Erzherzogs. * Ferdinand Of. B.ibna und Heinrich Gf. Bellegarde, die beiden aus der Napoleon­zeit bekannten österreichischen Generale. Der letztere war auch Hofkriegsratspräsident. * Von »In diesem Lande« bis »für jenes Land« (unrichtig) zitiert von B. Meyer, a. a. O. S. 148f. 4 Von »Die Radicalen« bis »zurückkehren« (unrichtig) zitiert von B. Meyer, a. a. O. S. 149.

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