Historische Blaetter 1. (1921)
Arnold Winkler: Die Korrespondenz des Erzherzogs Johann mit der Staatskanzlei über die Schweizer Sonderbundsfrage
des radikalen und des katholisch-konservativen. Allein je mehr sich die Sonderbundsfrage auf einen Bürgerkrieg zuspitzte, um so eher war er in Österreich fast der einzige Fachmann mit Erfahrung aus einstiger leitender Stellung, um über zu gewärtigende Möglichkeiten Auskunft geben zu können. Er war nicht bloß Heerführer gegen Napoleon gewesen, sondern hatte auch zu den Organisatoren des Tiroler Volkskrieges von anno 1809 gehört. Die Schwierigkeiten eines Gebirgskrieges und die psychischen Faktoren, die bei der Bildung einer öffentlichen Meinung und einer Massenerhebung die entscheidende Rolle spielen, waren ihm somit genau bekannt. Es ist nun eigentümlich zu sehen, daß Erzherzog Johann zu den unmittelbar maßgebenden Beratern von Metternichs Politik gegenüber der Schweiz nicht gehört hat, wie die im Wiener Staatsarchiv aufbewahrten, im folgenden zur Gänze veröffentlichten Schriftstücke beweisen. Sehr spät, erst im Frühjahr 184Ő, und nur zögernd trat Metternich mit ihm in dieser Angelegenheit in Verbindung, sonderbarerweise auf dem Umweg durch Mitteilung allgemein politischer Betrachtungen. Der Erzherzog — er wurde über Schweizer Dinge zunächst gar nicht direkt gefragt — mußte sein Urteil geradezu aufdrängen. Zudem trat Metternich persönlich, obwohl Erzherzog Johann zwei Briefe an ihn richtete, mit dem Ratgeber in keine Korrespondenz wegen der fraglichen Angelegenheit ein; die Vermittlung besorgte der Hofrat der Staatskanzlei Josef Frh. v. Werner, Metternichs rechte Hand für schweizerische Dinge. Nur gelegentlich bei Zusammenkünften sprach der Staatskanzler zu dem Erzherzog über diese brennende Frage. Das darf nicht wundernehmen. Die eingehende Beschäftigung mit Österreichs damaliger Außenpolitik ergibt deutlich besonders im Hinblick auf die Schweizer Zustände Metternichs vollkommene Abhängigkeit von fremden Ratschlägen, sein stückweises Aufnehmen ihm zugemittelter Gedanken. Der Leiter von Österreichs Außenpolitik wollte aber nicht beeinflußt erscheinen und vermied nach Möglichkeit, daß jemand außerhalb der Staatskanzlei sich das Recht zusprechen durfte, ihm eine nachher in die Tat umgesetzte Anregung gegeben zu haben. Wegen der Auswahl eines höheren österreichischen Militärs als eventuellen Führers für die Truppen der Sonderbundskantone mußte sich Metternich letzten Endes an Erzherzog Johann wenden; aber auch das geschah nur durch den Hofrat Werner. Und es ist auch da wieder nicht ohne Reiz zu lesen, wie der Staatskanzler nach des Erzherzogs Hinweis auf den Fürsten Friedrich Schwarzenberg, Sohn des Siegers bei Leipzig und damaligen Oberstleutnant, sofort versichern läßt, auch er habe bereits diesen guten Gedanken gehabt. Anderseits muß 5* 67