Historische Blaetter 1. (1921)

Alfred Stern (Zürich): Wit von Dörring in österreichischem Dienst

Ökonomie angestellt war, und auf mich.« Alfred von Arneth verhehlt nicht, wie peinlich ihn diese Verfügung berührte, die ihn »zu einer der Selbständigkeit seines Charakters durchaus nicht zusagenden Wirksam­keit zwang«. Aber er glaubte wenigstens provisorisch dem dringenden Wunsch seines Chefs gemäß »das schwere Opfer« bringen zu müssen, »das, wie sich in der Praxis bald herausstellte, eigentlich gar keines war«. Zur Erläuterung dieses Ausspruchs dienen die folgenden Sätze: »Über meinen neuen Vorgesetzten Herrn Witt von Dörring möchte ich umso­weniger etwas ihm nicht zur Ehre Gereichendes sagen, als er mir immer mit größter Freundlichkeit begegnete und dieselbe mir gegenüber während der ganzen Zeit unserer amtlichen Verbindung stets gleichmäßig be­wahrte. Aber es war wirklich zum geringsten Teile seine Schuld, wenn das Geschäft, um deswillen er nach Österreich berufen worden war, niemals in Gang kam. Seine nicht ihm zur Last fallende Unkenntnis der hiebei in Betracht kommenden Verhältnisse mochte die Haupt­ursache hievon sein, während die bald darauf sich geltend machende Kränklichkeit des schon betagten Mannes jede etwa beabsichtigte Tätig­keit desselben von vornherein lahmlegte. Und gerade so wie um die Wirksamkeit unseres Vorgesetzten, war es, wenngleich aus ganz anderen Ursachen, um die seiner beiden Mitarbeiter bestellt. Wir hätten zwar die Verhältnisse gekannt und wären auch gesund und arbeitsfähig gewesen, aber niemand bediente sich unser, niemand gab uns Instruktionen, niemand veranlaßte uns, nach irgend einer Richtung hin, auch nur das mindeste zu tun. So entwickelte sich in den hübschen Lokalitäten, welche für das neue Preßkomitee in dem dritten Stockwerk des damals Batthyányischen, jetzt Montenuovoschen Hauses in der Löwelstraße gemietet und eingerichtet worden waren, ein Stilleben der eigentüm­lichsten Art. Nicht das geringste wurde daselbst gearbeitet, und kein Mensch erschien, sich dort irgendwelche Richtschnur zu holen. Während der ganzen Zeit, in der ich mich in dieser Stellung befand, habe ich nicht einen einzigen Aufsatz, nicht einen Zeitungsartikel oder eine son­stige schriftliche Arbeit verfaßt oder auf irgend eine Weise das Zustande­kommen einer solchen beeinflußt. Es blieb mir schließlich nichts anderes übrig, als mich, um doch etwas zu tun, mit Dingen zu beschäftige^ die sich auf meine Vorarbeiten zur Geschichte der Kaiserin Maria Theresia bezogen«. Die Kenntnis einiger Aktenstücke, die mir bei der erneuten Sammlung von Materialien für meine »Geschichte Europas« im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv im Sommer 1920 in die Hand gefallen sind, ermöglicht es mir, einiges zur Aufklärung dieser merkwürdigen Phase in dem be­56

Next

/
Thumbnails
Contents