Historische Blaetter 1. (1921)

Otto Cartellieri: Der Pas de la Dame Sauvaige am Hofe Herzog Karls des Kühnen von Burgund

Der burgundische Hof bewährte auch diesmal seinen Ruf einer be­sonderen Pflegstätte der ritterlichen Übungen \ In Gent — und nicht in Brüssel, wie es ursprünglich geheißen hatte — waren die großartigsten Vorbereitungen getroffen worden. Der geräumige Freitagsmarkt wurde nach allen Seiten hin abgeschlossen. Der eine Eingang war für die Gäste, denen eine vier Stufen hohe Bühne zum Waffnen und Ent­waffnen diente; der andere, höhere, für den Veranstalter. Darüber hatte man für seine Begleiter eine Tribüne angebracht, hinter ihr sein Zelt, das an die Häuser stieß. Die große Tribüne inmitten des Platzes, am Rande der Schranken, ward von den vier vom Herzog bestellten Rittern und den Wappenoffizieren eingenommen. Vor ihr stand der Trompeter, der, den Befehlen der Richter gemäß, das Zeichen für den Beginn und das Ende des Kampfes zu geben hatte. Über der Tribüne, auf einem großen blauen Pavesen nach kastilianischerArt, prangte in weißen2 Buch­staben der Name des Ritters: Claude de Vaudrey. Goldene Ketten umschlangen den Namen und führten nach beiden Seiten zu den V V in griechischen Lettern: wohl eine Anspielung auf den einen Wahlspruch des Geschlechtes: J’ai Valu, Vaulx et Vauid ray. Ein goldener Adler hielt den Wappenschild. Wer mit dem Diener der Wilden Herrin die Waffen kreuzen wollte, hatte seinen Namen gleichfalls auf den Schild zu setzen; die Ritter mit goldenen, die Knappen mit silbernen Buchstaben. Dem Bailli von Gent, dem Bürgermeister und den Schöffen lag es ob, für die Sicherheit des Kampfplatzes zu sorgen. Vor den Eingängen standen herzogliche Bogenschützen. Der Wappenkönig von Flandern zu Pferde hatte mit zwei Persevanten den Gästen die Waffen zu überreichen. Acht berittene Knappen, in der Rechten den weißen Stab, mußten die Kämpfenden trennen, sobald der Trompeter geblasen hatte. Zu ihrer Unterstützung war noch der Hauptmann der berittenen Bogenschützen mit zwölf Mann zu Fuß abkommandiert. Sonntag, der 14. Januar 1470 war herangekommen. Um zwei Uhr nachmittags erschienen Herzog Karl und seine Gemahlin Margarete von York und nahmen in einem eigens für sie hergerichteten Hause Hatz. Auch die anderen Gebäude, wie die Tribünen, waren geschmückt. Allerwärts auf den Estraden, in den Fenstern drängten sich die Zuschauer. Auf dem blauen Pavesen über der Tribüne standen die Namen und Wahlsprüche dreier Edelleute. Als erster in goldenen Buchstaben Anton von Luxemburg, Graf von Roussy, ein Sohn des mächtigen Konnetable 1 1 Traicté 61: le renomtné et vertueux exercite d’armes a plus de cours, d’usaige et d’entremise en ceste noble maison de Bourgogne que autre part. 8 Traicté 68 wird angegeben, warum Vaudrey für sich die weiBe Farbe wählt.

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