Historische Blaetter 1. (1921)

Otto Cartellieri: Der Pas de la Dame Sauvaige am Hofe Herzog Karls des Kühnen von Burgund

Grafen von Saint-Pol, mit der Devise: L’Innocent. Seltsam genug sein Auftreten. Voran auf einem großen Maultier sein Narr, in einem langen Kleid aus schwarz-weißer Seide, auf dem Kopfe einen pelzgefütterten Chapperon. Der Ritter bezeichnete ihn als seinen »Kanzler«. Auf den Grafen von Roussy folgten, ebenfalls auf Maultieren und in der gleichen Tracht, seine beiden kleinsten Pagen; »und diese nannte er seine beiden Hauptratgeber«. Über wen wollte sich der Graf lustig machen? Über die Beamten? Über seine Genossen, die sich allzugern und -viel beraten ließen? Vielleicht hätte auch ihm Rat genutzt, denn zu den Siegern gehörte er nicht. Der Einzug des Herrn de Vaudrey erregte nicht minder Aufsehen. Voran schritten zwei Wilde Männer mit Trompeten und großen blauen Bannern, von denen das eine V V in goldenen, das andere in silbernen Buchstaben aufwies. Ihnen folgten zwei Wilde Männer, welche gleiche Banner hielten und zwei weiße Zelter führten. Darauf saßen in gold- brokatenen Sätteln Wilde Frauen: sie trugen am Halse die ausgesetzten Preise, Schild und Armband. Die Wilden Männer und Frauen 1 waren ganz mit goldenen Haaren bedeckt. Nur die Frauen hatten ein seltsam geschnittenes Obergewand 2 an. Endlich ritt unter Drommetenklang Claude de Vaudrey auf prächtig geputztem Pferde herein und begab sich von Anton, dem »Bastard von Burgund«, geleitet zu dem Herzogspaar, vor dem er sich tief verbeugte, so tief er konnte. Olivier de La Marche stellte zunächst die beiden Damen vor, dann den Ritter selbst, der auch den Richtern bekannt gemacht wurde. Der Wappenkönig von Flandern übergab den Richtern je zwei Speere und Schwerter3 zur Prüfung. Der Graf von Roussy ließ sich die seinen durch die Pagen aussuchen, die anderen brachte man dem Veranstalter. Nachdem endlich noch die Harnische der beiden Kämpen untersucht worden waren, stellten sich die Ritter einander gegenüber auf, die Lanze auf dem Schenkel. Die Trompete ertönte, und mit gesenkter Lanze ging es in schärfster Gangart aufeinander los. Sie trafen sich aber nicht mit den Krönlein, sondern kreuzten die Lanzen. Sofort begann der Schwerter­kampf. Gar derbe, wuchtige Hiebe wurden ausgeteilt, die auf dem Harnisch eine nur zu deutliche Schrift hinterließen. Nach dem siebzehnten Hieb wurden die Tjostierer getrennt und vor die Richter geleitet, ange­sichts derer sie sich die Hand reichten und Claude de Vaudrey sich bei dem Grafen von Roussy für die ihm erwiesene Ehre bedankte. 4* 51 1 Traité 61: deux demoiselles errans, ses plus féables et privées. 2 Mantelinne. 3 Traicté 72: les deux espées estoient garnies de gainnes et de couroyes comme il appartenoit.

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