Historische Blaetter 1. (1921)

Otto Cartellieri: Der Pas de la Dame Sauvaige am Hofe Herzog Karls des Kühnen von Burgund

das edle Waffenhandwerk, wie es am glänzenden Hofe seines Herrn gepflegt wurde, preisen kann. Unter Philipp dem Outen und Karl dem Kühnen wurden die Tjoste besonders beliebt, während das Massen­turnier mehr und mehr in den Hintergrund trat. Der Pas de l’Arbre Charlemagne, der Pas de la Belle Pelerine, der Pas de la Fontaine aux Pleurs, der Pas du Perron Fée, der Pas de l’Arbred’Or1, um nur die be­rühmtesten zu nennen, erregten im ganzen Abendlande Aufsehen und lockten von nah und fern kühne und gewandte Tjostierer herbei! Das erlöschende Rittertum feierte seine letzten Triumphe. Italiener und Spanier, Engländer und Deutsche traten den burgundischen Kämpen gegenüber. Jacques de Lalaing, der Liebling des burgundischen Hofes, die Idealfigur der burgundischen Ritterschaft, zog allerwärts abenteuersuchend in den Landen umher: man traf ihn in England, jenseits der Alpen und der Pyrenäen. Die Ritterspiele bekommen einen internationalen Charakter, sie verschärfen noch den kosmopolitischen Zug des Adels, der während des hundertjährigen Krieges uns zuweilen in Frankreich überraschend entgegentritt. In einem eigenen Schriftchen2, das dem Grafen Philippe de Bresse et de Bágé, dem fünften Sohne des Herzogs Ludwig von Savoyen ge­widmet ist, berichtet uns Olivier de La Marche als Augenzeuge von dem eigentümlichen Pas d’Armes*, den der Ritter Claude de Vaudrey4, Rat und Kammerherr des Herzogs Karl des Kühnen, im Beisein des Hofes abhielt. Schon das Einladungsschreiben mit den Kampfbedingungen lautet ganz romanhaft. Der »Compaignon de la Joyeuse Queste« empfiehlt sich in tiefster Demut allen Kaisern, Königen, Herzogen und Fürsten, überhaupt allen, denen es gebührt, über edle Taten zu hören und teilt ihnen seine Aben­teuer mit, damit sein Tun besser verstanden und aufgenommen werde. Als er auf sein erstes Abenteuer ausging, verließ er das reiche König­reich Kindheit und kam in ein verwüstetes, dürftiges und unfruchtbares Land, das man Jugend nennt. Lange irrte er. darin umher und lebte nur 1 Über ihn habe ich gehandelt in: Ritterspiele am Hofe Karls des Kühnen von Burgund (1468), Tijdschrift voor Geschiedenis, Jahrgang 1921 S. 15 ff. 3 Traicté d’un tournoy tenu ä Gand par Claude de Vauldray, seigneur de l’Aigle, l’an 1469 (vieux style) in: Traicté de la forme et devis comme on faict les tournois par Olivier de La Marche, Hardouin de la Jaille, Anthoine de la Sale etc. mis en ordre par Bernard Prost (Paris 1878) 55 f. 3 Unter dem Pas d’armes verstand man besonders jene Scheinkämpfe, bei denen alles vorgeführt wurde, was im Kriege vorkommt, wenn man eine Brücke, einen Paß verteidigen oder erobern will; aber auch im allgemeinen eine Tjost. 4 Über ihn vgl. Traicté 56, Anm. 1. Im Jahre 1494 tjostierte kein anderer als König Maximilian mit Claude de Vaudrey in Antwerpen; vgl. Molinet, Chronique c. 276 ff.

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