Historische Blaetter 1. (1921)
Harold Steinacker: Geschichtliche Notwendigkeiten deutscher Politik
stauben. Sie hätten begreifen müssen, daß das Bismarcksche Reich zu seiner Zeit die einzig mögliche Lösung war, daß aber mit 1866 und 1871, wie der im Krieg gefallene Ernst Vogt 1914 gesagt hat, nur der erste Teil der deutschen Frage gelöst war1. Es hätte gegolten, unter bewußter Opferung von Sonderwünschen Deutschlands Politik, wie es Bismarck von sich gesagt hat, »seiner geschichtlichen Bestimmung entsprechend«, im Innern und nach außen weiterzuführen. Wären all diese Bedingungen erfüllt gewesen, dann hätte das deutsche Volk seine Macht ungestraft besessen und behalten. Es ist anders gekommen. Aber wir wollen nicht dem Reich in die Schuhe schieben, was die Schuld des Volkes war. Dankbar und stolz wollen wir der Bismarckschen Reichsgründung gedenken. Wir wollen uns bekennen zu jenem Geist der Tüchtigkeit und Pflichttreue, der Wehrhaftigkeit und der Staatsgesinnung, die das Reich geschaffen und trotz mancher Schäden die Leistungen getragen hat, auf denen der wissenschaftliche und wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands beruhte; auch die Leistungen des Weltkrieges, in dem das alte Wort zu Schanden ward, daß es nichts Neues unter der Sonne gebe. Denn zum ersten Male in der Geschichte mußten sich alle Großmächte der ganzen Welt zusammentun, um dies eine Volk, das wenige Bundesgenossen und manchen Feind im eigenen Lager hatte, zu bezwingen. Und an der Front wenigstens hat sich der sittliche Opferwille, der im Frieden vielfach gefehlt und während des Krieges im Hinterland schließlich versagt hat, bis zum Schluß wunderbar bewährt, dort hat er bis unmittelbar vor dem Zusammenbruch die Schwäche der Selbstsucht überwogen. Wir ziehen von hier zusammen hin zu den Gräbern der gefallenen Brüder, um sie zu bekränzen. Sie sind uns ein Pfand dafür, daß trotz aller Schäden der Zeit noch ein unerschöpflicher Schatz an sittlicher Kraft in unserem Volke, unserer Jugend ruht. Wir schöpfen daraus die Zuversicht, daß das Werk des Aufbaues trotz allem gelingen wird. So wenig wie der Bergwanderer, von dem wir eingangs sprachen, an der gefährlichen Stelle abstürzt, wenn er Mut und Willenskraft besitzt, so wenig wird das deutsche Volk dem drohenden Absturz verfallen. Und wenn wir die steile Höhe der alten Unabhängigkeit erklommen haben, wenn der Haß unserer Feinde zu Schanden geworden, dann wollen wir rufen: »Das Reich muß uns doch bleiben.« 46 1 E. Vogt, Die hessische Politik in der Zeit der Reichsgründung, Historische Bibliothek, 34. Band, S. 208.