Historische Blaetter 1. (1921)

Harold Steinacker: Geschichtliche Notwendigkeiten deutscher Politik

deren Voraussetzungen heraus anders handeln können als Otto I. »Macht gleicht der Natur selbst,« — sagt Schäfer — »sie duldet keinen leeren Raum.« Anderseits gesteht er zu, daß sachlich betrachtet die Kaiserpolitik neben mancherlei Gewinn auch schweren Schaden zur Folge hatte. Wiegen wir Gewinn und Verlust genau ab, prüfen wir die Beweg­gründe Ottos näher, so sehen wir mit Erstaunen, wie ähnlich damals die Notwendigkeiten denen von 1871 und heute lagen. Die Machtpolitik entsprang einem äußeren und inneren Zwang. Otto mußte die Kaiser­krone nehmen, weil sie sonst in andere Hände gekommen wäre, die, früher oder später, feindliche Hände geworden wären. Ich berufe mich dafür auf Lord Bryce. Ich darf heute und hier diesen englichen Historiker nennen. Erstens weil er für die Einheit Tirols seine Stimme erhoben. Zweitens weil er 1873 in der Vorrede zur deutschen Übersetzung seines Buches über das heilige römische Reich Zeugnis für unser Recht gegen Frankreich abgelegt hat1. Bryce hat richtig gesehen, daß für die das Frühmittelalter beherrschende augustinische Geschichtsphilosophie und Staatslehre der Gedanke an eine Staatenwelt, an eine Vielheit von gleich­berechtigten nationalen Staaten nicht vorhanden war. So wie der antike römische Staat den orbis terrarum, die Kulturwelt umschloß, außerhalb deren es nur Barbaren gab, so mußte der einen katholischen Kirche bis ans Weltenende ein Weltstaat entsprechen. Die heilige römische Kirche und das heilige römische Reich sind nur verschiedene Seiten ein und derselben Sache. Eben weil es ein Kaisertum geben mußte, haben nach dem Aussterben der italienischen Karolinger die west- und ostfränkischen Könige, die burgundischen Herrscher und die Dynasten Italiens abwechselnd nach der Kaiserkrone gegriffen. Was es bedeutet hätte, wenn sie in einer dieser Hände geblieben wäre, das lehrt ein Blick auf die Zeit, als das avignonesische Papsttum ein Mittel der französischen Machtpolitik war. Die doch unvermeidliche Auseinandersetzung zwischen Kirche und Staat hätte dann Deutschland in noch ungünstigerer Lage getroffen. Die Kaiserpolitik war aber auch eine Notwendigkeit der inneren Politik. Nicht erst das Kaisertum und sein Kampf mit dem Papsttum hat den deutschen Partikularismus auf den Plan gerufen. Erst Ottos Herr­schaft hat ja die Vereinigung der deutschen Stärtime zu einem deutschen Volke gesichert. Sein Vater, Heinrich I., war ja eigentlich nur sächsischer Herzog »mit dem Titel und Charakter« eines deutschen Königs gewesen. 1 James Bryce, The holy Roman empire, 1864. Eine deutsche Übersetzung von A. Winkler, 1873.

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