Historische Blaetter 1. (1921)
Harold Steinacker: Geschichtliche Notwendigkeiten deutscher Politik
Und wenn wir in den Quellen aus ottonischer Zeit die Äußerungen der Abneigung und Verachtung lesen, die die Stämme gegen einander hegten und die lebhaft an gewisse bayrische Kraftworte der Gegenwart erinnern, dann müssen wir unwillkürlich an das Schicksal der Nordgermanen denken, die durch keine größeren Unterschiede der Sprache und des Rechtes getrennt, statt zu einem Volk zu drei Völkern geworden sind. Otto selbst hatte zu Beginn mit dem Stammespartikularismus schwer zu kämpfen. Gesichert war seine Macht erst, als er das sogenannte ottonische System einführte, das heißt als er sich auf die Bischöfe stützte, deren Einsetzung ihm zustand, die er mit Reichsgut reichlich ausstattete. Wir können heute leicht sehen, daß diese Herrschaft in der deutschen Kirche die Herrschaft in der allgemeinen Kirche erforderte; daß dadurch der Kampf mit dem Papsttum früher oder später unvermeidlich wurde; und auch daß dabei die Niederlage unvermeidlich war. Das große Werk der Sittigung und Versittlichung der germanischen Völker, das die Kirche des Mittelalters vollbracht hat, mußte von der mehr äußerlichen Eroberung schließlich zur Eroberung der inneren Gesinnung führen. Als die Schauer der asketischen Bewegung des 11. Jahrhunderts die Geister aufrüttelten, als die kirchlichen Überzeugungen zur stärksten Gewalt der Zeit wurden, da wurde die kaiserliche Herrschaft in der Kirche, die dem Wesen der Kirche widersprach, unhaltbar. Das können wir im Nachhinein gut einsehen. Aber Otto konnte es nicht voraussehen. Und hätte er es gesehen, so hätte er doch die Politik machen müssen, die er machte. Denn der Bund mit der deutschen Kirche war der einzige Weg, auf dem der Zerfall des Reiches in Stämme sicher verhütet, die Stämme sicher zu einem Volk zusammengeschweißt werden konnten. Die Sache steht also nicht so, daß die Kaiserpolitik den Sieg des Partikularismus bewirkt hat indem sie ihm das Papsttum als Bundesgenossen zuführte, sondern so, daß ohne diese Politik der Partikularismus von vornherein gesiegt hätte, und zwar viel vollkommener. Wir wären dann wie die Nordgermanen und Westslawen in mehrere kleine Völker zerfallen, so wie wir ja eines, das niederländische, haben von uns sich trennen sehen. Und nun die Nutzanwendung. Die Kaiserpolitik Ottos war Machtpolitik nach außen und sie diente im Innern einer Stärkung der Reichseinheit und der Zentralgewalt. Und dies sind die unaufheblichen Notwendigkeiten jeder deutschen Politik; ihnen trug auch Bismarck 1871 Rechnung, als er ein Reich mit einheitlicher Führung und dem mindesten, allermindesten Maß an Reichseinheit schuf, das wir 43